18.05.18

Auf der Suche nach Halt

Von: Christian Schäfer

Von Gummistiefeln und anderen Gefängnissen

 

von Christian Schäfer

Jeder Mensch sucht nach Sicherheit. Dass diese Suche auch in die Irre führen kann, zeigt das Beispiel von Menschen, die unter Zwängen leiden.

Eine meiner Patientinnen, eine Frau, die ich aufgrund von Zwängen behandelte, erzählte mir letztes Jahr, dass die TV- Moderatorin Hanka Rackwitz zugegeben habe, unter Zwängen zu leiden. Ihr Markenzeichen, dass sie nämlich in ihrer Show mit Gummistiefeln auftrete, sei zum Beispiel nur dadurch bestimmt, dass sie große Angst vor Verunreinigungen habe. Nun sei sie für das Dschungelcamp nominiert. Meine Patientin äußerte große Achtung vor diesem Schritt; das „Coming Out“ der Moderatorin habe ihr persönlich sehr geholfen, offener mit ihrer Erkrankung umzugehen. Angeregt durch dieses Gespräch schaute ich mir dann das Verhalten von Frau Rackwitz im Dschungelcamp an und erkannte vieles wieder, von dem auch meine Klienten mir immer wieder erzählen.

Die Zwangserkrankung kann man als heimliche Erkrankung beschreiben. Wenn man nicht weiß, dass das Gegenüber darunter leidet, nimmt man vieles einfach als Variante des alltäglichen Lebens hin. Da ist zum Beispiel der Kollege, der immer als Letzter aus dem Büro geht, damit niemand mitbekommt, dass er noch eine Stunde lang überprüft, ob die Kaffeemaschine wirklich ausgeschaltet ist. Oder die gute Bekannte, die jedes Jahr ihren Geburtstag in einem schicken, teuren Restaurant feiert, allerdings nur, weil sie aus Angst vor Kontamination niemanden in ihre Wohnung lassen kann.

Dr. Christian Schäfer, geboren 1966, ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und Chefarzt der Evangelischen Lukasstiftung in Altenburg/Thüringen.

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