03.08.16

Die eigene Geschichte neu erzählen

Von: Estie Li-Dar

Wie Menschen sich der transgenerationalen Weitergabe von Traumata stellen

Von Estie Li-Dar

Ich bin eine Tochter von Eltern, die den Holocaust überlebt haben, bin Jung‘sche Psychoanalytikerin und Geschichtenerzählerin. Diese drei Stränge sind tief miteinander verwoben und gehören zu mir: Ich bin im Schatten tiefen, schwersten Traumas geboren und aufgewachsen.
Meine Eltern haben Auschwitz überlebt. Meine Mutter war 16 Jahre alt, als sie ihrer Familie in der Tschechoslowakei entrissen wurde. Sie wurde mit vielen anderen 16-jährigen Mädchen aus ihrem Land deportiert, um Birkenau zu bauen. Sie sah ihre Eltern, vier Geschwister und ihre Großmutter nie wieder. Sie überlebte drei lange Jahre voller Hunger, Sklavenarbeit, Folter und Erniedrigung, die im Todesmarsch gipfelten. 
Meine Mutter erinnerte sich, dass sie nach dem Krieg bei ihrer Ankunft in Schweden gleichgültig, apathisch und emotional unzugänglich war. Sie wusste nicht, wohin sie gehörte, wohin sie gehen sollte, und sie versuchte auch nicht, Verwandte zu fi nden oder zu kontaktieren. 
Mein Vater war 19, als er Untergrundkämpfer wurde. Er versteckte sich unter falschem Namen und lebte quasi auf Zügen. Er rettete viele Juden – Erwachsene und Kinder – bis man ihn festnahm und nach Auschwitz brachte. Er verlor seine große Familie mit Ausnahme seiner Mutter und zweier Geschwister. 
Mein Vater vergab sich nie, was geschehen war. In seinen Augen war es ein fatales Versagen, gefasst worden zu sein. Er klagte sich den Rest seines Lebens dafür an und fühlte sich verantwortlich für den Verlust seines Vaters, seines Bruders und seiner Großeltern. 
Trotz all dieser Verluste galt ich als sehr glückliches Kind (...) 

Estie Li-Dar, geboren 1947 in Haifa, ist Sozialarbeiterin, Familientherapeutin und Jung’sche Psychoanalytikerin in eigener Praxis in Jerusalem. Sie lehrt an der psychologischen Fakultät der Universität Jerusalem, leitet „Story-Telling“- Gruppen der zweiten und dritten Generation von Holocaust-Überlebenden, erzählt selbst Geschichten und hat 2015 ihren ersten Roman in Israel veröffentlicht, eine Familiensaga über mehrere Generationen Holocaust-Überlebender. Der Beitrag ist die gekürzte Fassung eines Vortrags, den sie 2015 in der Klinik Hohe Mark/Oberursel gehalten hat, ins Deutsche übertragen von Dr. Astrid Nelle.

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