12.11.18

Einsamkeit

Von: Gabriele Stotz-Ingenalth

Leid und Chance eines unbehaglichen Zustands

 

von Gabriele Stotz-Ingenlath

Als zu Jahresbeginn in Großbritannien ein Ministerium gegen Einsamkeit eingerichtet wurde, hieß es schon bald: Haben wir eine solche Einrichtung nicht genauso nötig wie die Briten? Die Zustimmung war groß. Aber ist Einsamkeit tatsächlich ein Zustand, den man unbedingt und gegebenenfalls mit staatlicher Hilfe bekämpfen sollte?

Als „Megatrend“ wird Einsamkeit heute bezeichnet, aber auch als „Krankheit“, andererseits ist sie eine menschliche Grunderfahrung, ein jedem Menschen auf seine Art bekanntes Gefühl, das zum Menschsein wohl einfach dazugehört und neben leidvollen durchaus auch gute Erfahrungen mit sich bringen kann. Das Wort „einsam“ bedeutet „nicht gemeinsam“. Man unterscheidet – nicht nur sprachlich – „einsam“ und „allein“, wobei „allein“ eher als objektive Tatsache zählt und „einsam“ eher eine subjektive Befindlichkeit ausdrückt, ein Gefühl der Abgeschiedenheit von der Umwelt, von Anderssein und Nicht-verstanden-Werden, das oft schmerzlich wahrgenommen wird und auch auftreten kann, wenn man sich unter Menschen befindet. Jeder hat seine ureigene Einsamkeit, die, negativ gesehen, auf das eigene Selbst zurückwirft, positiv gesehen aber auch zu diesem Selbst und manchmal auch noch zu weit mehr hinführt.

Der Philosoph und Mathematiker Blaise Pascal meinte, „dass alles Unglück der Menschen einem entstammt, nämlich dass sie unfähig sind, in Ruhe allein in ihrem Zimmer bleiben zu können“. Und es stimmt, dass Menschen das Alleinsein fliehen, dass es sie belastet, dass sie es vertuschen und nicht eingestehen wollen, weil es sie geradezu beschämt. Einsam zu sein passt nicht in unsere Vorstellungen von sozialer Kompetenz. Dabei ist tief in sich jeder allein, und gerade diese Erfahrung der Vereinzelung sollte uns Menschen einen und Mitmenschlichkeit und Solidarität spüren lassen. Oft aber blickt man weg, sieht man einsame Menschen. Vielleicht tut es zu weh im eigenen Innern? Vielleicht sollte man mehr über die je eigene Einsamkeit sprechen und anderen Menschen dazu auch Gelegenheit geben? Ein Spruch der Tuareg besagt: „Einsamkeit ist nicht traurig, wenn sie beachtet wird.“

Dr. phil. Dr. med. Gabriele Stotz-Ingenlath, geb. 1963, ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie und in Philosophie promoviert. Sie arbeitet in der Ambulanz der Fliednerklinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik in Berlin, ist stellvertretende Leiterin des DGPPN-Referates „Spiritualität und Psychiatrie“ und Mitglied im Bundesverband Deutscher Schriftstellerärzte.

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