18.05.18

Fürchtet euch nicht!

Von: Anthea Bethge

Was schenkt unserem Leben wirklich Sicherheit?

 

von Anthea Bethge

Es ist Krieg. In Syrien, im Jemen, im Kongo. Waffengewalt und Terroranschläge töteten im letzten Jahr zehntausend Zivilisten und Zivilistinnen – allein in Afghanistan. Myanmar durchlebte einen Genozid. An vielen Orten dieser Welt herrscht Gewalt. Auch im Herzen Europas prägt Unsicherheit das Lebensgefühl vieler Menschen. Dabei ist Sicherheit ein Grundbedürfnis von uns allen.

Aber wie kann das Leben sicherer werden?

Es ist die hohe Schule interreligiöser Friedensarbeit: sich als muslimische Gläubige in Indonesien vor Kirchen stellen, wenn bewaffnete Islamisten dort ein Blutbad verüben wollen; als bekennende Christinnen und Christen in den Niederlanden jüdische Familien verstecken und bei deren Entdeckung mit ihnen nach Auschwitz gehen; als jüdische Gemeinde in Sarajevo Krankentransporte für christliche und muslimische Mitbürger und Mitbürgerinnen aus der belagerten Stadt organisieren und dabei in Schussweite der Heckenschützen treten.

Einige Menschen erkennen, dass sie viel tun können für die Sicherheit der anderen. Sie müssen sich dabei aus der eigenen Sicherheitszone herausbegeben, hinein in die Gefahrenzone anderer. Überall auf der Welt tun Menschen das – nicht leichtsinnig, nicht aus Abenteuerlust, nicht aus Versehen, sondern ganz bewusst. Die eigene, private Sicherheit ist für sie nicht das höchste Gut. Anderen Schutz zu geben ist wichtiger. Dabei grei dieser Positionswechsel dem Lauf der Dinge in die Speichen. Er hält die Gewalt nicht durch eine größere Gewalt auf. Er wirkt schützend, weil er das Feindbild stört, weil er nicht mitmacht bei der Legitimierung der Gewalt.

Warum üben sich manche Menschen in dieser hohen Schule? Wie wird die Liebe zu den Mitmenschen größer als die Furcht vor Verwundbarkeit? Wie bereiten wir uns vor, damit auch wir einmal, wenn es an uns liegt, uns vor eine Notunterkunft von Geflüchteten, eine Synagoge, eine Moschee stellen? Die Berichte interreligiöser Friedensarbeit erzählen davon, dass Beziehungen aufgebaut werden müssen. Gast- Freundschaft gewähren und Gastfreundschaft in Anspruch zu nehmen, das sind Übungen für ein schützendes Zusammenleben. (...)

Dr. Anthea Bethge, geboren 1966, ist promovierte Physikerin und Friedensfachberaterin. Sie hat sich seit 1997 der gewaltfreien Konfliktbearbeitung verschrieben mit Aufträgen in Deutschland, auf dem Balkan und in der Region der Großen Seen Afrikas. Seit sechs Jahren arbeitet sie als Geschäftsführerin von EIRENE Internationaler Christlicher Friedensdienst. www.eirene.org. 

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