21.11.18

Grandios - und dabei so fromm!

Von: Michael Klessmann

Narzissmus im Pfarramt

 

von Michael Klessmann

Achtzigerjahre. Ein Pfarrer träumt: Er steht auf der hohen Kanzel in einer brechend vollen Kirche und findet im Blick auf die schlimme damalige politische Lage in Südafrika klare prophetische Worte, so dass die Menge applaudierend ruft: „Endlich einmal einer, der Wahrheit sagt!“ Die Kirchenleitung jedoch ist empört und will ihn von der Kanzel herabzerren, aber er entschwebt und findet sich auf dem Dachfirst der Kirche wieder. Von dort kommt er wieder herunter, steht mitten unter seinen Pfarrbrüdern, von denen einer zu ihm sagt: „Willkommen im Kreis der Revolutionäre. Wir reden nicht vom Brudersein, wir praktizieren es.“ Er wird nach der Parole gefragt; seine Antwort: „Ich warte auf das Reich Gottes.“

Das Pfarramt erscheint auf den ersten Blick als idealer Nährboden zur Ausbildung oder Verstärkung narzisstischer Persönlichkeitsmerkmale; die Neigung zur Grandiosität, die jeder Mensch kennt, ist hier religiös legitimiert und findet vielfältig Nahrung in der besonderen Rolle: Wer kann sich schon als Vertreter*in Gottes fühlen und sich, wie im Gottesdienst, vor eine große Zahl von Menschen stellen und von einer hoch erhobenen Kanzel herunter sprechen, im Auftrag und mit der Autorität Gottes, als „Mund Christi“, wie Luther betont hat?! Wer kann sich schon in feierlichen Ritualen und mit den dazugehörigen besonderen Gesten und Gewändern vor der Öffentlichkeit inszenieren in einer Weise, in der die „Kommunikation des Evangeliums“ und die Selbstinszenierung unlösbar vermischt sind? Wer kann schon „binden und lösen“ (Vergebung zusprechen) im Namen Gottes und mit großer Geste „alles Volk“ (Barmer Erklärung) segnen? Wer erscheint schon so unersetzlich wie der Pfarrer/die Pfarrerin, wenn es darum geht, in der Kirche Gottesdienst zu halten?

Obwohl wir heute aufgeklärt und funktional über das protestantische Pfarramt denken und sprechen – Reste eines Priesterarchetyps haften diesem Beruf unweigerlich an und tragen zu der angedeuteten Überhöhung und Idealisierung bei: Der Priester ist der vom Volk und den Alltagsvollzügen Abgesonderte, ein besonders geheiligter Mensch; durch Askese muss er sich reinigen und vorbereiten auf die Arbeit an der Grenze zum Heiligen (am Altar), an der Grenze von Leben und Tod (bei der Bestattung). Das Pfarramt ist eine weltanschauungsbezogene Totalrolle: Pfarrerinnen und Pfarrer vertreten und leben ihren Glauben, der die Grundlage des Berufs bildet, immer und überall, es gibt diesbezüglich keinen Dispens, keinen Urlaub. So wie man immer im Dienst ist, ist man für alles, für alle Lebensbereiche, zuständig: Von der Wiege über die Hochzeit bis zur Bahre, von individuellen Lebenskrisen bis hin zu öffentlichen Katastrophen – zu allem sollen Pfarrerinnen und Pfarrer etwas zu sagen haben und entsprechende Rituale zelebrieren können. Ihre Botschaft ist eine, die den Erfahrungen der alltäglichen Begrenztheit und Brüchigkeit des Lebens unter Hinweis auf eine göttliche Liebe und Barmherzigkeit widerspricht; die der relativierenden Vielfalt unserer pluralen Gesellschaft vermeintliche Eindeutigkeit und Entschiedenheit entgegensetzt; die göttliche Gnade, Annahme und Frieden ankündigt, wo Menschen sich selbst und andere nicht ertragen können und in destruktive Aktivitäten verfallen; die Trost und „ewiges Leben“ zusagt, wo Menschen angesichts von Schmerzen, Krankheit, Sterben und Tod zu verzweifeln drohen. All das verkündigen die Pfarrerinnen und Pfarrer – und ansatzweise sollen sie es sogar leben. In dem Maß, in dem die verbale Verkündigung nicht mehr aus sich heraus überzeugt, sollen die Pfarrerinnen und Pfarrer wenigstens andeutungsweise mit ihrem Lebens­ und Arbeitsstil beglaubigen, dass es hier um eine das Leben tragende Botschaft geht. Die Freundlichkeit Gottes soll ein wenig ablesbar sein an ihrem Auftreten. Es darf also nicht verwundern, wenn Pfarrerinnen und Pfarrer auch als religiöse Übertragungsfiguren gesehen werden, wenn ihr Amt mit Sehnsüchten nach einem heilen Leben jenseits unserer bruchstückhaften Lebenswirklichkeit In Zusammenhang gebracht wird.3 Joachim Scharfenberg berichtet, dass eine Frau ihn nach einem seiner Gottesdienste in der Sakristei aufsuchte und erzählte, wie sie in ihrer depressiven Gestimmtheit zunächst mit dem Gottesdienst gar nichts anfangen konnte, dann aber plötzlich von der Segensgeste und den Worten am Schluss tief beeindruckt gewesen sei und seine Person assoziativ mit einem Engel in Zusammenhang gebracht habe. Sie bittet ihn, ihr die Formulierung des Segens aufzuschreiben, sie werde diesen Zettel bei sich tragen, er werde ihr in Zukunft sicher gegen ihre Suizidgedanken helfen.4 Auch gegenwärtige Pastoraltheologie, die Pfarramtstheorie, tut stellenweise das Ihre, um solche Übertragungen und Idealisierungen neu zu wecken: Ein Schweizer Pastoraltheologe schreibt im Jahr 2010, dass die pfarramtliche Sakramentsverwaltung „den Nimbus einer ‚sakralen Würde‘“ begründe.5 Offenbar erscheint es wünschenswert, angesichts der prekären Lage von Kirche und Pfarramt den pfarramtlichen Narzissmus durch einen weiheähnlichen Status wiederaufleben zu lassen.


DIE MACHT

Die Macht des Priesters/des Pfarrers war in der Vergangenheit bedeutend, Michel Foucault hat sie „Pastoralmacht“ genannt. Es war eine Macht über die Gewissen der Menschen, die sich dem Geistlichen in der Beichte und Seelsorge anvertrauten: Maßnahmen der Disziplinierung des Körpers und des Gewissens waren selbstverständliche, die Antworten waren religiös legitimiert. Diese Macht trat als Fürsorge getarnt auf, die eben deswegen schwer als Machtgebaren zu durchschauen und noch schwerer zu durchbrechen war. Der gute Hirte kennt seine Schafe, er weiß, was sie brauchen, was ihnen guttut; er will nur das Beste für sie – kann man das in Frage stellen? Wissen über andere zu haben, bedeutet, Macht über sie zu haben.6 Das Gefühl, in dieser Weise getarnte Macht über andere ausüben zu können, kann unbewusst als äußerst zufriedenstellend wahrgenommen werden und das Gefühl von eigener Größe und Bedeutung stärken. Auch die Helferdynamik ist immer wieder vom verdeckten Motiv der Macht getragen:7 Hilfsbedürftige erleben sich als ohnmächtig; wer die Kompetenz (im doppelten Sinn der Zuständigkeit und der fachlichen Fähigkeit) besitzt zu helfen, kann sich darin stark und mächtig fühlen. In der Tradition der Kirchen ist diese Macht fast immer als Dienst (im Sinn von Mk 10,43 ff.) verschleiert worden, war dadurch weitgehend undurchschaubar und unangreifbar. Für ich-schwache Menschen ist die Macht, die mit einem Amt, einer Rolle gegeben ist, eine große Versuchung: Sie kompensieren auf diese Weise durch den Amtsbonus, was sie aus sich heraus nicht leisten können. Die Gefahr, dass Macht auf diesem Weg missbraucht wird, ist groß: Sie dient der eigenen Stärkung, dem Bedürfnis, bewundert zu werden, der Überwindung der eigenen inneren Unsicherheit und Ohnmacht. Diese geistliche Macht ist in der Gegenwart weitgehend erodiert und besteht doch, in Restbeständen, weiter. Der öffentliche Auftrag zur Kommunikation des Evangeliums im Gottesdienst, in Predigt, Seelsorge und Unterricht, geht an Vielen folgenlos vorbei, Gemeindeglieder oder die sog. Gläubigen werden jedoch beeinflusst; ihre Weltsicht, ihr Vertrauen, ihr Glaube wird davon bestimmt. Viele Menschen suchen Orientierung in Zeiten unüberschaubarer weltanschaulicher und ethischer Pluralisierung, Kinder und alte Menschen sind besonders beeinflussbar. Insofern ist die Aufgabe einer Kommunikation des Glaubens nach wie vor außerordentlich verantwortungsvoll. Die Grenze zur Manipulation der Gewissen und die Gefahr, aus eigenen narzisstischen Bedürfnissen bestimmte Positionen als absolut und unhinterfragbar zu vertreten, sollte immer bewusst bleiben. Da die Motivation und Dynamik der narzisstischen Macht häufig unbewusst bleibt, ist Supervision ein wichtiges Werkzeug zu einer ethisch verantwortbaren pastoralen Praxis.


DIE KRÄNKUNG

So sehr das Pfarramt bei einem Teil der Bevölkerung (noch) Ansehen und Respekt genießt, so anfällig ist es für Kränkungen, die zum Teil in der gesellschaftlichen Situation der Kirche in der Gegenwart, zum Teil in der protestantischen Konzeption des Pfarramts selbst angelegt sind. Die gesellschaftliche Zustimmung zur Kommunikation des Evangeliums durch die Kirchen bröckelt seit Langem, die schwindende Relevanz der Kirchen und ihrer Botschaft (die man an den kontinuierlichen Austrittszahlen und dem geringen Gottesdienstbesuch ablesen kann) belastet natürlich auch das Ansehen ihrer Repräsentanten. In der Skala der besonders geachteten Berufe rangiert das Pfarramt nicht mehr, wie jahrzehntelang, unter den ersten; und in den Medien erscheinen amtierende Pfarrerinnen und Pfarrer oftmals als merkwürdige und etwas verschrobenweltfremde Zeitgenossen. Das geistliche Amt geht nicht mehr mit einer selbstverständlich gegebenen Autorität einher, sondern bedarf ständig der persönlichen Beglaubigung durch überzeugungskräftiges Reden und Handeln – eine anstrengende Angelegenheit. Die Krise der Kirche zehrt an den Kräften ihres Personals, schrumpfende Mitgliederzahlen und mangelnder theologischer Nachwuchs eröffnen nicht gerade motivierende Zukunftsaussichten.

Tiefer noch geht die Kränkung, die der christliche Glaube selbst, speziell in seiner protestantischen Prägung, bereit hält: Der Pfarrer ist eingereiht in das Priestertum aller Getauften, seine Sonderstellung ist eine funktional begründete, keine grundsätzliche, auf einer Weihe beruhende, wie in der katholischen Kirche. Selbst die evangelischen Bischöfe sind nichts anderes als mit einer besonderen Aufgabe betraute Pfarrerinnen und Pfarrer. Die Verkündigungsaufgabe kann grundsätzlich von jedem anderen Getauften wahrgenommen werden, Luther nennt häufig die Schulmeister und die Eltern, die das Wort Gottes den Kindern weitergeben sollen. Es ist lediglich der öffentliche Auftrag, der die Pfarrerinnen und Pfarrer von anderen Christen unterscheidet. Sodann: Die Wirkung des pfarramtlichen Handelns wird dem Geist Gottes zugeschrieben, nicht der Tüchtigkeit und Kommunikationsfähigkeit der Pfarrperson. Lohnt sich dann die Anstrengung beispielsweise für eine aufwändige Predigtvorbereitung, wenn die Wirkung doch eine geistgewirkte sein soll und dieser Geist weht, wo er will? Weiter: Das Amt ist ein Dienst (Luthers Übersetzung des neutestamentlichen Begriffs diakonia mit „Amt“ ist falsch und assoziiert Hoheitsrechte, die Jesus und Paulus vermutlich gerade nicht beabsichtigt haben). In diesem Dienst soll man sich verlieren („Wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird’s erhalten“, Mk 8,35), von sich selbst absehen, gerade keine professionelle Identität, auf die man mit Stolz blicken könnte, aufbauen wollen. „Narren um Christi willen“ (1. Kor 4,10) sollen die Pfarrerinnen und Pfarrer sein. Und schließlich ist alles Reden und Tun von der Paradoxie des Kreuzes überlagert: Wünsche nach Erfolg und Ansehen sollen sich in Schwäche und Leiden um Christi willen verkehren (vgl. 2. Kor 12,9 f.). Das Bedürfnis nach narzisstischer Bestätigung wird also ständig durchkreuzt und kann dann oftmals, wie es beim Thema Narzissmus eben so ist, großer Niedergeschlagenheit und Depression Platz machen. Vielleicht hat die hohe Zahl der Pfarrerinnen und Pfarrer, die unter Symptomen eines Burnout leiden, auch mit dem Versuch zu tun, die genannten Kränkungen durch umso mehr Anstrengung und Bemühen wettzumachen – was häufig geradezu das Gegenteil bewirkt.8


DER REIFE NARZISSMUS

„Primärer Narzissmus“ bezeichnet zunächst das anfängliche Gefühl eines glücklichen Verschmolzenseins des Säuglings mit der Mutter; unvermeidliche Versagungen und Frustrationen seitens der Eltern sucht das Kind zu kompensieren, indem es sich „neue Systeme der Vollkommenheit aufbaut“: Es fantasiert ein Größenselbst („ich bin perfekt“) und eine idealisierte Eltern-Imago, an der es selbst partizipiert („du bist perfekt und ich bin ein Teil von dir“). Im Lauf der weiteren Entwicklung können und müssen diese Fantasien abgebaut und in reifere psychische Strukturen überführt werden, Heinz Kohut nennt das „umwandelnde Verinnerlichung“. „Das Kind kann langsam eine warme, realistische Liebe zu anderen Menschen, Begeisterungsfähigkeit für Menschen, Ideen und Dinge entwickeln, aber auch ein gesundes Selbstwertgefühl, das es ihm erlaubt, seine Rechte wahrzunehmen und seine Begabungen mit lebensfreundlicher Selbstbehauptung zu realisieren.“9 Narzisstische Energie kann in künstlerisch-kreative Gestaltungen fließen, eine Art von Weisheit kann sich einstellen, welche die Begrenztheit des Lebens annimmt und ohne Gekränktsein mit Humor quittiert. Diese Entwicklung hin zu einem reifen Narzissmus kann auch durch religiöse Einsichten unterfüttert und gestärkt werden: Die unverzichtbare Unterscheidung von Gott und Mensch fördert eine realistische Annahme der eigenen Begrenztheit und Ersetzbarkeit; der Glaube an eine von Gott uns entgegenkommende Rechtfertigung betont, dass Menschen auf Anerkennung von extra nos angewiesen sind, ihre Identität nicht selbst herstellen können und müssen. Die wohlwollend blickenden „Augen Gottes“, wie sie im Aaronitischen Segen am Schluss eines Gottesdienstes zugesagt werden, bekräftigen den unbedingten Wert des Menschen, unabhängig davon, in welcher Lebenslage er sich gerade befindet. Ein in diesem Sinn gereifter und religiös bestärkter Narzissmus ist hilfreich für ein gesundes Selbstbewusstsein der Pfarrerinnen und Pfarrer – was wiederum deren Art und Weise der Kommunikation des Evangeliums positiv beeinflusst: Gottesliebe und Selbstliebe schließen einander nicht aus, sondern, im Gegenteil, können sich wechselseitig verstärken; Empathie wird zu einer grundlegenden Beziehungsqualität zwischen denen, die in der Gemeinde miteinander in Kontakt treten, ein „redemptives Milieu“ (Heribert Wahl) kann wachsen und Menschen zum Leben ermutigen. Dazu können Pfarrerinnen und Pfarrer einen erheblichen – aber eben nicht den alleinigen – Teil beitragen.

Prof. em. Dr. Michael Klessmann, geboren 1943, hat lange Jahre in der Krankenhausseelsorge und Seelsorgeausbildung gearbeitet, zuletzt als Professor für Praktische Theologie an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal/Bethel mit den Schwerpunkten Pastoralpsychologie, Seelsorge, Supervision und Pfarramtstheorie. Er lebt in Berlin.

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