09.02.17

In Erinnerung an Professor Manfred Seitz

Von: Dr. Alexandra Dierks, Dr. Christian Eyselein & Prof. Dr. Arnd Barocka

(17.9.1928 – 28.4.2017)

Von Dr. Alexandra Dierks, Dr. Christian Eyselein & Prof. Dr. Arnd Barocka

 

Von der Gründung von P&S im Herbst 2004 an war Manfred Seitz neun Jahre lang Herausgeber dieser Zeitschrift. Als er den Herausgeberkreis verließ, tat er es nicht, weil er das Interesse am Thema verloren hätte oder die Reisen nach Frankfurt zu beschwerlich geworden wären – er verabschiedete sich einfach von allen Aufgaben, die mit Sitzungen zu tun hatten. Dieses Geschenk machte er sich selbst, wohlgemerkt, zu seinem 85. Geburtstag. Typisch Seitz. Wie auch manches andere, das wir gern in Erinnerung behalten. Drei Herausgeber von P&S tun es stellvertretend. 

Der Lehrer

Seine Vorlesungen fanden immer mittags statt. Straff, aufrecht, federnd betrat er den Hörsaal – er war zu Fuß aus dem ca.4km entfernten Bubenreuth gekommen und brachte die Energie dieses Weges mit. Ein freundliches Lächeln in die Runde, ein kurzer Gruß, und dann begann das, was so viele Studenten und Stu- dentinnen fasziniert, inspiriert und geprägt hat: Homiletik, Poimenik, Liturgik, Asketik, Kybernetik – sein Curriculum der praktischen Theologie, d. h. Predigtlehre, Seelsorgelehre, Lehre vom Gottesdienst, Lehre von der gelebten Gestalt des Glaubens, Lehre vom Gemeindeauf- bau. Manfred Seitz besaß die Gabe, diese ver- schiedenen Disziplinen akademisch und wis- senschaftlich re ektiert zu vermitteln und sie zugleich transparent zu halten für ihren eigent- lichen Zweck: das Leben der christlichen Kirche. Klare Gedanken, präzise Unterscheidungen, eine sorgfältige Sprache, vorgetragen in seiner hohen, immer ein wenig heiser klingenden Stimme, so machte er uns praktische Theologie verständlich. Wichtig war dabei nicht nur, was er gesagt hat und wie. Von besonderer Bedeutung für uns, die wir als junge Theologiestudenten un- seren Weg suchten, war er selbst, der Prediger, Seelsorger, Liturg, Beter, Christ. Seitz lehrte vor allem, indem er lebte, was er lehrte. Das galt insbesondere für den Lehrer der Seelsorge, der für seine Studenten und Studentinnen im- mer auch Seelsorger war. Manchmal genügte es, von ihm angesehen zu werden, angelächelt mit diesem besonderen Seitz-Lächeln, freund- lich und leicht verschmitzt und bei allem Strah- len immer auch ein wenig scheu. Wenn sein Blick und sein Lächeln nicht genügten, half das Gespräch mit ihm. Und immer wieder seine Bereitschaft, uns an seiner eigenen theologi- schen Existenz teilhaben zu lassen, uns sehen zu lassen, wie das ist, wenn ein Theologe sich durchdringen und durchbilden lässt von Glau- be und Geist und Gebet. Ich bin dankbar, dass ich bei ihm studieren durfte.

Dr. Alexandra Dierks ist Militärpfarrerin in Wunstorf. Sie studierte von 1988 bis 1990 in Erlangen, später in Durham und Göttingen und promovierte von 1997 bis 2002 bei Dorothea Wendebourg in Tübingen. Der persönliche Kontakt zu Manfred Seitz bestand über die Studienzeit hinaus.

 

Der Seelsorger

„Heute Nachmittag habe ich ein Gespräch bei Seitz.“ Studentinnen und Stu- denten, nicht nur der Theologie, suchten und fanden hier ein offenes Ohr. Über die Fakul- tät hinaus war Manfred Seitz bekannt durch seine präzisen Hochschulgottesdienste und -predigten in der Erlanger Neustädter Kirche. Das war fundiert, hatte Kraft – und es war im besten Sinne einfach und damit lebensbehilf- lich. Und er war bekannt durch seine bewusst über die Fakultät hinaus in großer Regelmä- ßigkeit gelebten Kontakte. Das wirkte einladend. Hörer seiner Vorlesun- gen und Gäste in seinen Seminaren kamen aus Universität und Gemeinden. Sie wussten sich wahrgenommen, namentlich angesprochen, freundlich willkommen geheißen. Hier begann Seelsorge: Manfred Seitz hatte von seinem Va- ter gelernt, so erzählte er, jedem Menschen mit Respekt zu begegnen, unabhängig von seiner sozialen Stellung. Nie hätte er das Zimmer seiner Assistenten oder seiner Sekretärin betreten, ohne zu klopfen und das „Herein!“ abzuwarten. Er klopfte auch dort, wo es ihm nicht leicht el. Kollegialität ging ihm über Konsens. Als Brückenbauer in Fakultät und Kirche war er gefragt. Seelsorge auch das in ihrem bischö i- chen, „ponti kalen“ Sinn. Er schaute genau hin. „Seelsorge ist ein Sehen“ – ein Schlüsselsatz seiner Poimenik (griech.: poimen, Hirte). Gelernt bei dem „Erz- hirten“ Jesus Christus, dem die erste Stunde seines Tages gehörte. „Bitte nicht stören“, stand dann an seiner Zimmertür. Das hieß: Jetzt bin ich einem Einzigen zugewandt, dem Herrn der Kirche. Oder einem ratsuchenden Menschen. Auch dann hing das Schild an der Tür. „Erwarten wir einen Anruf?“, so seine Fra- ge während eines Seelsorgegesprächs, als das Telefon klingelte. Keine Frage, der Anwesende ging vor. Zwei wichtige Quellen strömten seiner poi- menischen Lehre und Praxis zu: Durch seinen aus Dorpat (Tartu/Estland) nach Erlangen ge- kommenen theologischen Lehrer Eduard Stein- wand war ihm die Seelsorge der orthodoxen Kirche begegnet. Steinwand selbst sagte man nach, er sei ein evangelischer Starez gewesen und habe die Gabe der Herzensschau gehabt. („Seelsorge ist ein Sehen“!) Und Manfred Seitz selbst war von Anfang an verwurzelt in einer evangelischen Aszetik (askeomai, üben), die man heute als „Spiritualität“ bezeichnet. Auf diesem Hintergrund erkundete und lehrte er Poimenik, Seelsorge. Als einer der ersten akademischen Vertre- ter richtete er nach 1966 schon in Heidelberg und dann in Erlangen klinisch-poimenische Seminare für Theologiestudierende ein. Da- mit nahm er sehr früh die neuen Impulse der Clinical Pastoral Education (CPE) aus den USA auf, die als KSA (Klinische Seelsorgeaus- bildung) heute Standard ist. Über viele Jahre veranstaltete er zusammen mit dem ärztli- chen Direktor der Erlanger Strahlenklinik ein medizinisch-poimenisches Kolloquium zum Thema „Ärztliche Führung von Tumorpatien- ten“. Damit wirkte er poimenisch weit über die eigene Fakultät hinaus. Von einer „anthropologischen Wende“ in der praktischen Theologie spricht man über diese Zeit. Seitz vollzog sie mit, doch tat er es immer im kritischen Horizont seiner konse- quent theologischen Re exion. Dabei scheute er auch nicht den Kon ikt. Seelsorge verstand er als ein Tun, das den Menschen in seiner kre- atürlichen Bedürftigkeit sieht und das zugleich immer ein geistliches, auf den dreieinigen Gott bezogenes Handeln ist, wenn es denn Seelsor- ge ist. Dieses Spannungsfeld löste er nie auf. Unser Zeitschriftentitel „Psychotherapie und Seelsorge“ spiegelt genau die beiden Brenn- punkte: ganz dem Menschen zugewandt und ganz in der Erwartung von Gottes Zuwendung. Wir verdanken Manfred Seitz sehr viel. Die Seelsorge verdankt ihm die Erinnerung, genau zu sehen, den Menschen und Gott, von dem jeder Mensch ist – und zu ihm.

Dr. Christian Eyselein ist Privatdozent für praktische Theologie an der Augustana- Hochschule Neuendettelsau. Dort leitet er den Ausbildungsgang für Pfarrverwalter. Zugleich ist er Studienleiter am Pastoralkolleg der Evang.-Luth. Kirche in Bayern. Er studierte bei Manfred Seitz und war von 1987 bis 1992 bei ihm als Wissenschaftlicher Mitarbeiter tätig. Es folgten die weitere Zusammenarbeit auf verschiedenen Feldern und eine bleibende persönliche Verbundenheit, darunter die verantwortliche Mitarbeit an vier Festgaben für Manfred Seitz.

Der Brückenbauer

Ganz ehrlich: Aus Sicht des Mediziners ist der Seelsorger schwer einzuordnen. Im Sta- tionsalltag geht es schnell und ef zient zu, da spielt der Seelsorger eigentlich keine Rolle. Aber man will ja auch nicht unhö ich sein. Ist er so etwas wie ein Native Healer, mit dem man sich besser vertragen sollte? Ich vermute, dass Professor Seitz um diese Schwierigkeit wusste, und als guter Seelsor- ger hat er sie aufgelöst. Er hat ja als Theo- loge Brücken zu den erstaunlichsten Ufern gebaut. An der Technischen Fakultät der Uni Erlangen-Nürnberg und auch in den höheren Etagen der Siemens AG war er ein geschätz- ter Gesprächspartner. So hat er auch Zugang zum Erlanger Uniklinikum gefunden. Ein Be- reich, wo Medizin und praktische Theologie sich treffen können, ist das Sterben. Professor Seitz hat eine Kooperation mit Professor Rolf Sauer begonnen, dem Direktor der Klinik für Strahlentherapie. In der Strahlentherapie wer- den Krebskranke behandelt; die Therapien nden in einer Situation existenzieller Bedro- hung statt und werfen vielfältige ethische Fra- gen auf. Hier gelang es Professor Seitz, seine persönliche Weisheit und seinen Glauben im Rahmen eines regelmäßig statt ndenden Kol- loquiums ganz praktisch in die klinische Medi- zin einzubringen. Ein peripherer Aspekt, den die Zusammen- arbeit der Professoren Seitz und Sauer be- leuchtet, ist der konfessionelle. Erlangen galt als evangelische Universität, aber die Klinik- direktoren waren in der Mehrzahl katholisch, und das war ihnen wichtig. Mehrmals sagte mein Chef zu mir: „Ach, wenn Sie doch ka- tholisch wären!“ Durch das interdisziplinäre Kolloquium wurde das evangelische Element gestärkt. Rückblickend lächelt man über die- se Dinge. Die Beziehung Theologie – Psychiatrie ist noch einmal etwas Spezielles. Sie ist – erwei- tert auf Psychologie, Psychotherapie und Be- ratung – Gegenstand dieser Zeitschrift, sodass man dazu nicht viel erklären muss. Professor Seitz war Gründungsherausgeber. In diesem Fall bedeutet das eine enorme Großzügigkeit und Hilfsbereitschaft. Auf die brie iche Anfra- ge kam sofort das Ja, ohne Rückfragen, Beden- ken oder Einschränkungen. Drei- bis viermal im Jahr, ob Sommer oder Winter, reiste Professor Seitz zu Herausgebersitzungen, erst nach Oberursel am Taunus, dann nach Frankfurt. Man muss wissen, dass man mit dieser Zeit- schrift nichts verdient, und auch Ruhm und Eh- re halten sich in eng umschriebenen Grenzen. Die Herausgebertätigkeit von Professor Seitz war reines Dienen, und was für ein Dienen! Ich möchte vier Merkmale seines Beitrags nennen: ein beeindruckende Gedächtnis in Bezug auf Autoren und ihre Werke, sodass sich spontan hochinteressante Bezüge auftaten und sehr gute Autoren gewonnen werden konnten; am besten natürlich war es, wenn er selbst ein Thema übernahm, dann konnte man sich auf einen verständlichen und originellen Artikel freuen; beeindruckend war Seitz’ Diskussions- kultur, er unterbrach nie, wartete bescheiden und präsentierte dann eine hilfreiche Lösung; und schließlich wurden wir anderen ganz selbstverständlich mit großer Freundlichkeit und Güte behandelt, man fühlte sich in seiner Gegenwart wohl. Ich muss vielleicht erklären, dass ich gebe- ten wurde, zu diesen Erinnerungen etwas „aus der Sicht des Arztes“ zu schreiben. Da möchte ich sagen: Das war eine wirklich gesunde Per- sönlichkeit. Wie viele andere emp nde ich gro- ße Dankbarkeit gegenüber Professor Manfred Seitz und gegenüber dem Allmächtigen Gott, der uns zusammengeführt hat.

Prof. Dr. Arnd Barocka leitet als Chefarzt die psychiatrische Abteilung der Klinik Hohe Mark in Oberursel. Er war von 1996 bis 1999 kommissarischer Direktor der Psychiatrischen Klinik der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg.