02.11.16

Politische Korrektheit

Von: Andreas Püttmann

Eine Frage von Würde, Liebe und Disziplin

von Andreas Püttmann

Wird die Welt besser, wenn man aus „Pippi Langstrumpf“ (Erstveröffentlichung 1945) das Wort „Negerkönig“ streicht? Oder ist das eine Bevormundung der Leser? Nicht immer ist das, worum gestritten wird, so relativ harmlos. „Nicht korrekt“ zu sein, ist seit einiger Zeit Mode, und Donald Trump hat damit einen großen Sieg eingefahren. Mit unserer Sprache stecken wir Denk- und Lebensräume ab – auch als Christen, als Kirche, als Menschen, die die Begleitung anderer Menschen zu ihrer Aufgabe machen.

 

„Politische Korrektheit“ bezeichnet ursprünglich das Bestreben, Ausdrücke und Handlungen zu vermeiden und im gesellschaftlichen Diskurs zurückzudrängen, die Gruppen von Menschen kränken oder beleidigen könnten. Insofern haben wir es mit einem durchaus christlichen Impuls zu tun: Empathie gehört zur DNA des Christentums, der Schutz der Schwachen entspricht dem Grundgebot der Nächstenliebe. Der Gottesknecht zerbricht das geknickte Rohr nicht (Jes 42,3). Er richtet auf. Paulus schärft der Gemeinde von Korinth (1 Kor 12,22-26) ein, den „schwächeren“, für „weniger ehrbar“ gehaltenen Gliedern des Leibes gelte besondere Achtung, „damit es keinen Zwiespalt im Leib gebe, sondern die Glieder gleichermaßen füreinander sorgen. Und wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit“. Wie Gott „dem geringeren Glied umso größere Ehre gab“, so ist es dem Christen aufgetragen, alles den Mitmenschen Herabwürdigende nicht nur zu vermeiden, sondern dagegen vorzugehen. Zwischenmenschliche Einfühlung, Takt und Respekt bleiben damit nicht nur private Maximen, sie werden auch ein politisches Anliegen – beginnend mit der Sprache, denn aus Worten werden Handlungen, mahnt schon der Talmud:

Achte auf deine Gedanken, 
denn sie werden Worte. 
Achte auf deine Worte, 
denn sie werden Handlungen. 
Achte auf deine Handlungen, 
denn sie werden Gewohnheiten. 
Achte auf deine Gewohnheiten, 
denn sie werden dein Charakter. 
Achte auf deinen Charakter, 
denn er wird dein Schicksal. 



Wer dies auf sich wirken lässt, der wird Kampfbegriffe wie „Gedankenpolizei“ oder „Sprachpolizei“ nicht mehr so leichtfertig verwenden, wie das im Jargon rechtskonservativer Milieus unserer Gesellschaft inzwischen üblich ist. Ja, auch unser Denken und Reden bedürfen des Tabus und der Disziplin. Am besten der Selbstdisziplin, ersatzweise aber auch mittels einer „brüderlichen Ermahnung“ – ein Anklang an unser Thema. „Bin ich meines Bruders Hüter?“ (Gen 4,9). Ja, ich bin. (...) 


Dr. phil. Andreas Püttmann, geboren 1964, studierte Politik- und Geschichtswissenschaft sowie Staatsrecht in Bonn und Paris. Nach Jahren als Redakteur beim Rheinischen Merkur und Referent der Konrad- Adenauer-Stiftung ist er seit 2003 freier Publizist mit den Schwerpunkten Christliche Sozialethik, Öffentliche Meinung und Kirchenpolitik. Er gehört u.a. zum Vorstand der Gesellschaft Katholischer Publizisten Deutschlands.

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