12.11.18

Unverwundbar? Oder doch tief verwundet?

Von: Hans Hopf

Junge Männer auf der Suche nach einen gesunden Selbstbewusstsein

 

von Hans Hopf

Der junge Deutsch-Marokkaner, der mit 140 km/h durch die Frankfurter Innenstadt fuhr, hatte sich nicht angeschnallt. Er „wusste“, dass er ein so extrem guter Autofahrer war, dass er den Sicherheitsgurt niemals brauchen würde. Das Selbstbild vieler junger Männer schwankt zwischen Grandiosität und Verzweiflung. Gerade bei jungen Flüchtlingen verbirgt sich dahinter oft eine traurige Vorgeschichte, sagt jemand, der selbst Flüchtling war.

Vor wenigen Tagen wurde mir ein kleiner Film zugesandt. Ein sieben Wochen alter Säugling lächelt seine Mutter zum ersten Mal an. Dank Smartphone wurde dieses Ereignis gefilmt und per WhatsApp übermittelt. Zu sehen war das Lächeln eines kleinen Mädchens, zu hören war das glückliche „Lustgezwitscher“ seiner Mutter.

Mit diesem kleinen Film wurde ich Zeuge eines ersten Dialogs zwischen der Mutter und ihrem Baby. Die Mutter nimmt die Gefühle ihres Kindes auf, die positiven wie die negativen, und spiegelt sie dem Kind mittels ihrer Mimik, aber auch mit Lauten und Worten. Mütter tun das ganz unbewusst in einer übertriebenen Weise. Sie stellen die Stimmungen nachhaltiger dar, als es das Kind getan hat, sodass der Säugling langsam erfährt, dass er nicht den inneren Zustand seiner Mutter gespiegelt bekommt, sondern seinen eigenen. Der Säugling wird sich seiner eigenen Gefühle bewusst, indem er die Reaktionen seiner Mutter wahrnimmt. Auf diese Weise erkennt er sich selbst. In seinem Kopf verbindet er Gedanken miteinander, Gedanken mit Sprache sowie Gedanken und Sprache mit Handlungen. Dadurch lernt das Kind, eigene innere Zustände von denen anderer Menschen zu unterscheiden. Gleichzeitig erfährt es, dass andere Menschen anders denken und handeln, dass sie ein ganz eigenes Seelenleben besitzen. So entsteht die Grundlage für das Einfühlen in andere Menschen, die Empathie.

Dr. rer. biol. hum. Hans Hopf, geboren 1942, arbeitet als Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeut, Supervisor und Dozent an den psychoanalytischen Instituten Stuttgart, Würzburg und Freiburg. Er wurde in Teplitz-Schönau (Teplice), im heutigen Tschechien geboren und lebt heute in Mundelsheim bei Stuttgart. Für sein Lebenswerk wurde er mit dem Diotima-Ehrenpreis der deutschen Psychotherapeutenschaft ausgezeichnet.http://www.jesuiten.org/hermann.kuegler

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