01.08.18

Was ist Frömmigkeit?

Von: Frank Lüdke

Eine Wiederbegegnung.

 

von Frank Lüdke

Auch Begriffe haben einen Lebenslauf. „Frömmigkeit“ ist ein Kind des Mittelalters, das mit dem Beginn des 18. Jahrhunderts eine großartige Karriere machte und im 20. Jahrhundert totgesagt wurde. Jetzt startet es sein Comeback und kann sich neben seiner Schwester, der „Spiritualität“, wieder sehen lassen.

„Lieber Gott, mach mich fromm, dass ich in den Himmel komm!“ Schon als kleines Kind habe ich dieses Gebet beigebracht bekommen, wohl als Ausrichtung auf das, worauf es in meinem Leben vor allem anderen ankommen sollte: ein frommer Mensch zu werden. Aber was bedeutet das überhaupt: „fromm“ sein? Und ist es wirklich so erstrebenswert?

In unserem alltäglichen Sprachgebrauch scheint das Wort ja häufig eher abfällig und negativ gebraucht zu werden. Da ist zum Beispiel das vordergründig großartige Vorhaben, das aber letztlich doch nur ein „frommer Wunsch“, also völlig unrealistisch war. Oder denken wir an den Abwehrspieler, der als „lammfromm“ gilt, weil er leider niemals richtig in die Zweikämpfe geht. Und am schlimmsten sind die „scheinfrommen“ Heuchler, von denen man sich besser fernhält. Bis vor wenigen Jahren noch bezeichnete sich deshalb kaum jemand selbst als „fromm“, um nicht in die Gefahr zu geraten, als hinterwäldlerischer, lebensuntüchtiger Spinner angesehen zu werden. Seit Kurzem aber scheint der Begriff der „Frömmigkeit“ überraschenderweise wieder gesellschaftsfähig zu werden, sodass sich eine Spurensuche lohnt. Ich möchte deshalb zunächst danach fragen, welchen Bedeutungswandel das deutsche Wort „Frömmigkeit“ durchgemacht hat, um anschließend zu überlegen, wie wir mit diesem Begriff heute umgehen können.

Dr. Frank Lüdke, geboren 1965, ist Professor für Kirchengeschichte und Leiter der Forschungsstelle Neupietismus an der Ev. Hochschule Tabor in Marburg.

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