09.02.17

Wie konnte man so etwas glauben?

Von: Titus Müller

Über blinde Flecken und tiefe Überzeugungen

von Titus Müller

Unser Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann.“ Der beliebte Postkartenspruch stammt von Francis Picabia, einem französischen Schriftsteller und Maler. Was aber, wenn das Denken nicht die Richtung wechseln kann? Manchmal mögen ein eingeschränktes Denkvermögen oder allgemeine Sturheit der Grund sein. Viel häufiger jedoch geht ein anderes Denken „einfach nicht in den Kopf hinein“. Alle denken so. Eine ganze Epoche ist von einem bestimmten Denken geprägt. Da helfen auch runde Köpfe nichts. Drei Beispiele, die uns vom Kopfschütteln über andere zum Nachdenken über uns selbst führen können.

Als Romanautor tauche ich in fremde Jahrhunderte ein, lese monatelang historische Monographien, Briefe und Tagebücher und versuche zu verstehen, wie man in früheren Zeiten dachte. Immer wieder verblüffen mich dabei Gemeinsamkeiten mit der heutigen Zeit, zum Beispiel, wenn ich mittelalterliche Liebesbriefe lese. Aber ich erschrecke auch über die beschränkten Denkräume früherer Zeiten, über Vorurteile und Dummheiten, die selbst von den Gebildeten nicht durchschaut wurden. Dann frage ich mich: Was wird man in zweihundert Jahren über uns denken? Wo sind wir blind?
Blinde Flecken zeigen sich in allen Epochen. Wenn wir uns einbilden, in unserer Zeit würden wir alles klar sehen, beweisen wir schon das Gegenteil. (...)

Titus Müller, geboren 1977, studierte in Berlin Literatur, Geschichtswissenschaften und Publizistik. Er wurde mit dem C.S. Lewis-Preis und dem Sir Walter Scott-Preis ausgezeichnet und ist Mitglied im PEN. Für den Spionagethriller über einen Schlüsselmoment deutscher Geschichte, „Nachtauge“, wurde er als Histo- König des Jahres 2013 gekürt. Im März 2017 erscheint sein vierzehnter Roman „Der Tag X“ im Blessing Verlag. Titus Müller lebt in der Nähe von München.

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