05.12.19

Alexa, Starte Abendgebet!

Von: Katharina Wiefel-Jenner

Glaubenspraxis in digitalen Zeiten

 

von Katharina Wiefel-Jenner

Unser Leben hat sich durch die Digitalisierung grundlegend gewandelt. Wie wir heute im Alltag miteinander kommunizieren, uns informieren, Wissen erwerben, arbeiten, einkaufen, reisen und uns unsere Meinung bilden, war noch vor 20 Jahren unvorstellbar. Inzwischen hat eine ganze Generation keine Erinnerungen mehr an das „vordigitale“ Leben. Als sie klein waren, wurden den sog. Digital Natives noch Gutenachtgeschichten vorgelesen oder sie haben sie auf CDs gehört, wenn es keine Erwachsenen gab, die dafür Zeit hatten. Wenn ihre Eltern selbst noch mit dem Abendgebet auf der Bettkante aufgewachsen sind, dann kennen sie auch noch das abendliche Beten mit den Kleinen. Inzwischen ist diese erste Generation erwachsen und bewegt sich mit allen Lebensäußerungen im digitalen Raum. Sie braucht keine CDs und DVDs mehr, denn sie streamt sich Filme, Serien und Musik von den großen digitalen Plattformen. Sie lernt mit YouTube, hört Podcasts und fragt die Sprachassistenten Siri oder Alexa, wenn sie Informationen braucht oder das Licht angeschaltet oder gelöscht haben will. Auch für die Gutenachtgeschichten gibt es einen digitalen Ersatz. Wer sie nicht von Streamingplattformen hören möchte, kann auch den Sprachassistenten bitten, etwas vorzulesen. Für die Abendroutine zum Einschlafen ist also gesorgt.

Kann Alexa beten?

Und was ist mit dem Abendgebet? Selbst hierauf muss niemand verzichten. Alexa, der Sprachassistent von Amazon, bietet auf Zuruf Abendgebete für Erwachsene oder Kinder. Man sagt: „Alexa, starte Abendgebet!“ oder „Alexa, frage Abendgebet nach einem Kindergebet!“, und eine Computerstimme spricht – nach Kundenurteil zu schnell und betonungslos – ein zufällig ausgewähltes Abendgebet, das im Programm hinterlegt ist. Ein katholisches Abendgebet, das von katholisch.de programmiert wurde, reagiert auf den Zuruf „Alexa, frage katholisch.de“ und wird von den Nutzern sehr positiv bewertet. Auch zu muslimischen Abendgebeten mit Alexa gibt es dankbare und positive Resonanz. Wer noch in der vordigitalen Zeit geistlich geprägt wurde, ist womöglich befremdetbefremdet und fragt: Ist Alexa denn fähig zu beten? Kann ein Sprachassistent überhaupt beten?

Die Frage berührt digitalaffine Gläubige offensichtlich weniger. Sie nutzen die Dienste. Bei genauerem Nachdenken würden sie die Frage wohl zurückweisen, denn sie ist falsch gestellt. Die Programme selbst beten nicht – zumindest, solange den Maschinen noch keine Seele einprogrammiert wurde. Es geht also nicht darum, ob Alexa oder Siri beten. (Sie sind übrigens auch keine Vorbeter, denn ein Vorbeter betet selbst. Er nimmt die Mitbetenden mit in sein Beten, und diese schwingen sich auf sein Gebet ein. Das machen Sprachassistenten nicht, wenn sie auf Zuruf ein Gebet sprechen.) Sprachassistenten assistieren, wie es ihrem Auftrag und ihrer Bezeichnung entspricht. Es beten die Nutzer der Assistenten. Sie lassen sich dabei helfen, die richtigen Worte zu formen. Der Assistent spricht die Worte vor, die die Nutzer sich als Gebet aneignen. Die Nutzer übernehmen still die Worte und lassen sie zum Gebet werden. Bei vertrauten Gebetstexten sprechen sie diese u. U. laut mit. Durch das Mitvollziehen oder im stillen Nachsprechen werden die Texte zum Gebet der Nutzer. Nicht Alexa sucht das Gespräch mit Gott. Nicht Siri beendet den Tag vor Gottes Angesicht und bittet um Vergebung für das, was im Rückblick auf den Tag als falsch und verfehlt erkannt wird. Es sind die Nutzer. Schließt man von den Bewertungen zum Tischgebet von Alexa auf die Erfahrungen mit dem Nachtgebet, dann verhelfen die mit Computerstimme vorgesprochenen Gebete zu einem bewussteren Beten. Die Nutzer gehen also selbstverständlich davon aus, dass sie sich vom Sprachassistenten das Gebet „nur“ vorsprechen lassen und dass das Gebet als Service nicht grundsätzlich anders ist, als wenn Alexa oder Siri die schnellste Busverbindung in der nächsten halben Stunde nennen und das Ticket hierfür buchen.

Mit der Macht der Algorithmen umgehen

Es stellt sich insofern weniger die Frage, ob das Gebet seinen Gebetscharakter beibehält, vielmehr lohnt es sich nach den Algorithmen zu fragen, mit deren Hilfe die Sprachassistenten Gebete bereitstellen. Algorithmen fallen nicht vom Himmel, sondern werden von Menschen entwickelt, also von Firmen und Institutionen in Auftrag gegeben, die Interessen mit ihnen verbinden. Und da kommt auch die Kirche ins Spiel. Die Verwendung von Sprachassistenten wird selbstverständlicher, womit auch die Aktivierung von besonderen Hilfen bei der Alltagsroutine und sogar für das geistliche Leben zunimmt. Es ist geradezu pflichtvergessen und leichtfertig, die Ressourcen der kirchlichen und geistlichen Tradition den Nutzern der digitalen Technologien vorzuenthalten, nur weil diese sie jenseits des vertrauten Rahmens nutzen. Es gilt mit der Macht der Algorithmen umzugehen, sie verantwortlich zu nutzen und die eigenen kirchlichen und geistlichen Ressourcen in den digitalen Raum einzutragen. Die Sprachassistenten arbeiten auf Zuruf, aber sie sprechen aus, was in ihrem Programm hinterlegt ist und dem Benutzerprofil entspricht. Diejenigen, die das geistliche Wachstum der Digital Natives im Blick haben, dürfen ihre eigene analoge geistliche Praxis nicht zur Norm erheben. Sie dürfen ihre Erfahrung und ihre geistliche Sozialisation nicht über die geistliche Suche der Digital Natives stellen, sondern müssen vielmehr die Substanz der geistlichen Tradition im Gewand der Algorithmen weitergeben. Die in Jahrhunderten entstandenen geistlichen Texte unserer Mütter und Väter bleiben ein Schatz – auch wenn sie von einer mehr oder minder gefälligen Computerstimme vorgetragen werden. Die Bedenken, dass geistliches Leben Beziehung braucht, weil der Glaube an Jesus Christus aus der Christusbeziehung erwächst und zum Wachsen die Beziehung in der Gemeinschaft des Leibes Christi braucht, trifft im Fall der Gebete durch Sprachassistenten nur bedingt. Das persönliche Gebet am Abend ist selbst unter analogen Bedingungen ein privates und nur ausnahmsweise ein gemeinschaftliches. Es bedarf in der Regel keines Vorbeters, dessen eigenes Beten die Mitbetenden unterstützt. Wer im digitalen Raum nach Hilfen zum geistlichen Leben fragt, wird über kurz oder lang auch Menschen suchen und sie treffen – sowohl analog als auch digital. Der Charakter des Internets ist es ja gerade, Vernetzung zu ermöglichen. Der kürzlich verstorbene Michel Serres und der Digital Native Philipp Riederle haben schon vor sechs Jahren darauf aufmerksam gemacht, dass die mit den sozialen Netzwerken aufgewachsene Generation sich auf andere Weise in der Welt wahrnimmt. „Unsere Welt ist ein Smartphone. Von dort geht alles aus, und deshalb verändert sich nicht nur der Umgang mit den Medien, sondern ganze Lebensbereiche, Gewohnheiten und Einstellungen sind im Wandel begriffen.“5 Dieser anderen Weltwahrnehmung und dieser anderen Weise, sich selbst als Teil der Welt zu erleben, muss sich die Glaubensvermittlung und die geistliche Begleitung stellen. Wenn der Glaube eine Praxis für Menschen sein will, die durch ihr Smartphone mit allen Personen verbunden sein können, denen durch GPS alle Orte zugänglich sind und die durch das Netz Zugriff auf das gesamte Wissen der Welt haben können6, darf er nicht an der Schwelle zum Internet stehen bleiben. Wer glaubt, war schon immer auf virtuelle Weise in Verbindung mit denen, die auch glauben. Heute gibt es durch die Digitalisierung die Möglichkeit, dass die virtuelle Gemeinschaft zu einer realen wird. Damit einher geht die Verantwortung derer, die bisher den Glauben weitergegeben haben, damit das Netz nicht reißt. 

Dr. theol. Katharina Wiefel-Jenner, geboren 1958, ist Pfarrerin i.R. und in Berlin in der Aus- und Fortbildung von Ehrenamtlichen für den Verkündigungsdienst tätig. Sie gehört zur Evangelischen Schwesternschaft Ordo Pacis.

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