16.05.19

Heilige Helden

Von: Alexandra Dierks

Über Gefolterte und Gefeierte der Kirchengeschichte

 

von Alexandra Dierks

Schon in der frühesten Geschichte des Christentums finden wir Menschen, die als Heldinnen oder Helden des Glaubens verehrt werden, als besonders herausragende Vorbilder oder als „Heilige“. Bald nimmt ihre Verehrung auch kultische Formen an. Welche Menschen auf welche Weise verehrt wurden, variiert nach Zeit und Region. Aber es gibt auch erkennbare Gemeinsamkeiten.

„Als letzte von allen aber war die selige Blandina an der Reihe. (...) Und nach den Peitschenhieben, nach dem Kampf mit den Tieren, nach dem Rösten wurde sie schließlich in ein Netz gesteckt und einem Stier vorgeworfen. Nachdem sie von dem Tier tüchtig in die Höhe geschleudert worden war, wobei sie wegen ihrer Hoffnung und ihres Festhaltens an ihrem Glauben und wegen ihrer Zwiesprache mit Christus gar nicht mehr wahrnahm, was mit ihr passierte, wurde auch sie geopfert, und selbst die Heiden gaben zu, dass noch niemals bei ihnen eine Frau so viele und so schwere Leiden erduldet hatte.“ 1

TAPFERKEIT IM LEIDEN

Der Kirchenhistoriker Eusebius von Cäsarea (ca. 260 bis ca. 340 n. Chr.) gibt hier wieder, was sich im Jahr 177 n. Chr. in Lyon abspielte: Besonders grausame öffentliche Folterungen von Christinnen und Christen in der dortigen Arena, große Standhaftigkeit bei den Misshandelten und schließlich ein seliger Tod in ungebrochener, freimütig bekannter Treue zu Jesus Christus.

Ähnliches geschieht bis zum Beginn des 4. Jahrhunderts immer wieder. Die ersten Jahrhunderte der Kirche sind eine Zeit vielfältiger Verfolgungen. Der Grund dafür ist in der Regel die Weigerung der Christen, den römischen Kaiser religiös zu verehren.

Die öffentlich unter Qualen sterbenden Christen verstehen sich als Märtyrer, „Blutzeugen“ für ihren Glauben, und ihre Standhaftigkeit beeindruckt die heidnische Umwelt und inspiriert andere, ihrem Beispiel zu folgen. Märtyrerakten halten ihre Namen fest: „Ergriffen wurden junge Katechumenen: Revocatus und seine Mitsklavin Felicitas, Saturninus und Secundulus, unter ihnen auch Vibia Perpetua, eine standesgemäß verheiratete Frau von vornehmer Geburt und guter Erziehung. Sie (...) hatte einen Sohn im Säuglingsalter, der noch an der Brust trank. Sie war ungefähr 22 Jahre alt.“2 Immer geht es um die Tapferkeit, mit der diese Christinnen und Christen schwerste körperliche und teils auch seelische Qualen erdulden und dabei voller Glauben und Vertrauen auf Christus hoffen, ohne Unterlass zu ihm beten und im Sterben geradezu freudig auf ihn zueilen. So werden die Märtyrerinnen und Märtyrer zu den ersten Heldinnen und Helden des Christentums, und ihre Gräber werden zu Orten für Gebet und Gottesdienst. Einige von ihnen werden in den folgenden Jahrhunderten besonders verehrt, dann auch als „Heilige“ bezeichnet und sogar zu Sujets der bildenden Kunst, so der Soldat Sebastian, von Pfeilen durchbohrt, oder der römische Diakon Laurentius, auf einer Art Grillrost zu Tode gefoltert; Katharina von Alexandria, dargestellt mit dem Rad, das sie hätte töten sollen, oder Margaretha von Antiochia mit dem Drachen als Gegner. Bei den Frauen gehört zu den Gründen für ihr Sterben oft auch die Weigerung, einen Heiden zu heiraten. In einer Zeit, in der Jungfräulichkeit und sexuelle Abstinenz besonders hoch geschätzt wird, erhöht die Jungfräulichkeit der Märtyrerinnen noch ihre Verehrungswürdigkeit. Zudem sieht die Kirche in der Jungfräulichkeit eine besondere Ähnlichkeit zu Maria, der Mutter Jesu, die bereits ab dem 5. Jahrhundert als „immerwährende Jungfrau“ verehrt wird. So ist es in den ersten Jahrhunderten die Ähnlichkeit mit Jesus Christus und seiner Mutter in Leidensbereitschaft und Reinheit, die die christlichen Märtyrerinnen und Märtyrer zu Glaubenshelden werden lässt und Zeitgenossen dazu inspiriert, gegen alle Widerstände am eigenen, christlichen Glauben festzuhalten.

HINGABE DES GANZEN LEBENS

Nach dem Ende der Verfolgungen unter den Kaisern Galerius und Konstantin dauert es nicht einmal hundert Jahre, bis unter Kaiser Theodosius I. (379 – 395) das Christentum zur Staatsreligion wird. Mehr als tausend Jahre lang wird es zur beherrschenden gesellschaftlichen und kulturellen Kraft im Römischen Reich und darüber hinaus, und das bedeutet: In weiten Teilen Europas sind ab dem Frühmittelalter praktisch alle Menschen Christen. Das gilt dann auch für alle staatlichen Organe bis hinauf zum Kaiser. Christsein, Zugehörigkeit zur einen heiligen katholischen Kirche ist der Normalfall. Dementsprechend kann sich christliches Heldentum nicht mehr im Widerstand gegen einen heidnischen Staat oder sonstige heidnische Gegner manifestieren. Es kommt zwar durchaus zu Konflikten zwischen staatlichen Autoritäten und einzelnen Vertretern der Kirche, wie im Falle des ermordeten Erzbischofs von Canterbury Thomas Becket (ca. 1118 – 1170), der denn auch prompt als Märtyrer und Heiliger verehrt wird. In der Regel gilt die Verehrung allerdings vor allem solchen Christen, die sich innerhalb des Systems gewissermaßen qualitativ auszeichnen durch besonders tiefe Frömmigkeit, besonders strenge Askese, besondere Wohltätigkeit gegenüber den Armen, besonders machtvolle Ausstrahlung. Bei den Heiligen geht es nach dem Ende der Verfolgungen also nicht mehr primär um tapferes Sterben, sondern um ein ganz und gar an Christus hingegebenes frommes Leben.

Im Mittelalter bilden Klöster und Orden dafür häufig den Rahmen, bestimmt durch die Gelübde der Armut, der Keuschheit und des Gehorsams. Ordensgründer oder Ordensangehörige sind dementsprechend häufig vertreten unter denen, die (teils schon zu Lebzeiten) als Heilige verehrt werden. Dazu zählen Ordensgründer wie Benedikt von Nursia (ca. 480 – 547), Bernhard von Clairvaux (1090 – 1153) oder Ignatius von Loyola (1491 – 1556), aber auch Frauen wie Clara von Assisi (1194 – 1253) oder Teresa von Avila (1515 –1582). So verschieden sie sind – alle zeichnen sich dadurch aus, dass sie die üblichen christlichen Standards, die gängigen Erwartungen an christliche Frömmigkeit und Lebensführung deutlich und nachhaltig übertreffen und andere dazu inspirieren, ihnen nachzueifern.

Der alles überragende Heilige des Mittelalters dürfte Franziskus von Assisi (ca. 1181 – 1226) sein. Geboren als Sohn eines wohlhabenden Kaufmanns in Assisi, beseelt von ritterlichen Idealen, bekannt als fröhlicher, lebenslustiger junger Mann, lässt Franziskus sich anrühren vom Ruf Jesu und verschreibt sich einer radikalen Form der Nachfolge: der absoluten Armut. Dienst an Kranken, Hausen in baufälligen Hütten, als Kleidung nur eine schlichte raue Kutte, magerste Kost, keinerlei Annehmlichkeiten – so sieht sein Minnedienst an der hohen „Frau Armut“ aus, die sich bei ihm zugleich mit einer warmherzigen Zugewandtheit zu allem Lebendigen und einer beinahe kindlichen, innigen Frömmigkeit verbindet.

Dass Jesus selbst arm war und als Verachteter starb, ist natürlich auch anderen Zeitgenossen durchaus bewusst, und Armutsbewegungen gibt es an verschiedenen Stellen der Kirche, aber Franziskus ist derjenige, der dem Armutsideal mit einzigartiger Kompromisslosigkeit folgt. Seine Zeitgenossen erkennen in seiner Person und seinem Leben eine ansonsten unerreichte Ähnlichkeit mit Christus – bis hin zu den Stigmata, den Kreuzigungswunden, die sich körperlich bei Franziskus manifestieren. Zugleich gibt er seinen Zeitgenossen ein Beispiel für vollständige Hingabe an Christus und die ungeheure Anziehungskraft, die dadurch entsteht. Unbeabsichtigt wird Franziskus so zum Ordensgründer, denn es schließen sich ihm so viele Männer und Frauen an, dass sie schließlich institutionell organisiert werden müssen.3

HELD, ABER NICHT HEILIG: MARTIN LUTHER

Mit der Reformation im 16. Jahrhundert zerbricht die Einheit des katholischen Kulturraums. Seitdem stehen mehrere Kirchen nebeneinander, oft genug gegeneinander. Der Blick auf herausragende Christen verändert sich dadurch. So wird Martin Luther, der unbestreitbare Initiator der Reformation, von zahlreichen Zeitgenossen stürmisch verehrt, von anderen freilich ebenso leidenschaftlich abgelehnt. Insbesondere seine Standhaftigkeit gegenüber dem Kaiser auf dem Reichstag zu Worms macht ihn für die Anhänger der Reformation zum Helden – eine Sicht, die sich bis in die Gegenwart hinein vielfach durchhält.4

Interessanterweise betrachten ihn allerdings selbst seine eigenen Anhänger nicht unbedingt als Heiligen im bisher üblichen Sinne. Das hat einerseits konfessionelle Gründe: Im Protestantismus ist es grundsätzlich nicht üblich, einzelne Christen als Heilige zu verehren. Es hat aber auch inhaltliche Gründe. Seit den ersten Märtyrern ist die Verehrung herausragender Christen vor allem an besondere Verzichtsleistungen geknüpft: Verzicht auf Wohlstand, auf Bequemlichkeit, auf Nahrung, auf Freiheit, auf Ehe und Familie, auf das Leben selbst. Ein wohlgenährter Professor und verheirateter Familienvater, der sein Leben lang geschützt wird von seiner Obrigkeit und mit 63 Jahren im Bett stirbt, passt in dieses Bild nicht hinein. Martin Luther mag als Held des deutschen Protestantismus gelten, zum verehrungswürdigen Heiligen eignet er sich nicht. Entsprechend beziehen sich die konfessionellen „Lutheraner“ weniger auf ihn als Person als vielmehr auf seine Lehre. Was an seinem Leben als nachahmenswert empfunden und nachgelebt wird, ist gerade keine spezielle Askese, sondern die Normalität: Berufstätigkeit, Ehe, Kinder, Familienleben. Martin Luther wird so zum Vorbild für das bürgerliche Pfarrhaus.

POLITISCHES ENGAGEMENT

Wer nach modernen Glaubenshelden, nach Heiligen der Gegenwart oder der jüngeren Vergangenheit fragt, hört immer wieder drei Namen: Dietrich Bonhoeffer, Martin Luther King, Mutter Teresa. Dietrich Bonhoeffer (1906 – 1945), evangelischer Theologe und Pastor, Unterstützer des Widerstandes gegen Adolf Hitler, hingerichtet im Konzentrationslager Flossenbürg, gilt mittlerweile als Märtyrer der evangelischen Kirche; nach ihm werden in Deutschland sogar Kirchen und Gemeindezentren benannt. Martin Luther King (1929 – 1968) Baptist, Prediger und Bürgerrechtler, ermordet wegen seines Engagements gegen die Unterdrückung der Schwarzen in den USA, gilt als Märtyrer einer christlich motivierten Bürgerrechtsbewegung. Teresa von Kalkutta (1910 – 1997) ist die Ordensgründerin der Missionarinnen der Nächstenliebe und wird verehrt für ihre radikale Hingabe an die Armen in Indien. Sie ist seit dem 4. September 2016 sogar offiziell heiliggesprochen.

Als Ordensfrau und Ordensgründerin entspricht Teresa noch am ehesten dem klassischen Bild einer Heiligen, gerade im Blick auf gelebte Frömmigkeit und entschiedene Askese. Dass sie für ihre Arbeit auch kritisiert wurde und bis heute wird, hat die offizielle Heiligsprechung durch die katholische Kirche nicht verhindert. Zu stark wirkt das Bild ihrer eigenen Armut und ihrer elementaren Zuwendung zu den elendsten Menschen der indischen Gesellschaft. Und sie hat viele dazu inspiriert, ihren Weg mitzugehen: Zu ihrem Orden gehören mittleiweise ca. 3000 Frauen und 500 Männer.

Bei Martin Luther King und Dietrich Bonhoeffer hingegen verschieben sich die Akzente: Beide sind Christen, beide sind evangelische Pastoren, beide finden einen gewaltsamen Tod, aber der Grund für ihren Tod ist nicht primär ihr christlicher Glaube, sondern es sind die politischen Konsequenzen, die sie aus ihrem Glauben ziehen und die sie in Konflikt mit dem nationalsozialistischen Staat bzw. mit rassistisch motivierten Teilen der Gesellschaft bringen. Verehrt werden sie dementsprechend nicht unbedingt für ihre Frömmigkeit oder ihre Theologie, wobei auch das vorkommt, sondern zunächst wegen ihres furchtlosen politischen Engagements, von dem beide wussten, dass es sie das Leben kosten könnte. Ihre Ausstrahlungskraft ist daher einerseits stark mit ihrem Glauben verknüpft, denn es ist bei beiden der christliche Glaube, der ihnen die Kraft zur Lebenshingabe gibt. Andererseits fühlen sich auch Menschen ohne christlichen Glauben von Martin Luther King oder Dietrich Bonhoeffer zu politischem Handeln und Widerstand gegen Unrecht inspiriert.

CHRISTUS ÄHNLICH WERDEN

Tapferkeit in großem Leid, Bereitschaft zur Armut, Bereitschaft zur Hingabe des ganzen Lebens, Verlust des Lebens um des Glaubens willen, Zuwendung zu den Armen und Benachteiligten der Gesellschaft – das sind einige charakteristische Züge der herausragenden Christinnen und Christen, die bis heute als Helden des Glaubens und Heilige der Kirche verehrt werden. Zeitweise kommt noch der Verzicht auf Ehe und Familie hinzu. Nicht alle diese Züge zeigen sich in jeder Person, aber mindestens einer ist in der Regel präsent. Es ist sofort erkennbar, dass sich hier das Bild Jesu Christi spiegelt, des Gottessohns, der arm wurde, an Gott hingegeben war, den Armen zugewandt untadelig lebte und der am Kreuz starb. Über die Brüche der Reformation hindurch hält sich bis heute dieses Prinzip durch: Als christlicher Glaubensheld, als christliche Glaubensheldin gilt, wer Jesus Christus ähnlich wird. Wer sich von christlichen Heiligen inspirieren lässt, wer sie für sich als Vorbilder anerkennt und ähnliche Wege geht, wählt damit indirekt, ob beabsichtigt, bewusst oder unbewusst, den Weg christlicher Nachfolge.

Dr. Alexandra Dierks, geboren 1968, ist Militärpfarrerin in Wunstorf.

 

1 Eusebius: Kirchengeschichte V 1, S. 55-56, hier zitiert nach Peter Guyot / Richard Klein (Hg.): Das frühe Christentum bis zum Ende der Verfolgungen, Darmstadt 1997, S. 89.

2 Das Leiden von Perpetua und Felicitas 2, 1-3; hier zitiert nach Guyot/ Klein S. 101.

3 Vgl. Werner Goez: Lebensbilder aus dem Mittelalter, Darmstadt 2010, S. 408-420.

4 Vgl. Heinz Schilling: Martin Luther. Rebell in einer Zeit des Umbruchs, München 32016, S. 236-241; 628-644.

 

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