16.05.19

Kann der Böse der Held sein?

Von: Haringke Fugmann

Zum Superhelden-Film „Avengers – Infinity War“

 

von Haringke Fugmann

Der erste Superman-Film kam 1951 auf die Leinwand. Seitdem prägen verschiedene Superhelden die Vorstellungswelt ganzer Generationen. Ein Film aus dem vergangenen Jahr sticht hervor: Nur hier verliert der Held gegen das Böse. Grund genug, die Filmrezension einmal in den Thementeil des Heftes zu nehmen.

Als ich meine beiden Söhne, die ein großes Faible für Comics haben, letzthin fragte, was einen echten Superhelden ausmacht, lautete ihre spontane Antwort: „Ein Superheld hat einen Umhang, hat eine Superkraft und macht gute Sachen!“ Im weiteren Verlauf des Gesprächs wiesen sie mich noch darauf hin, dass Superhelden auch dann das Richtige tun, wenn es schwer ist oder wenn sie damit scheitern. Als ich sie fragte, welche Superhelden sie kennen, brachten sie es aus dem Stegreif locker auf zwei Dutzend Namen, und sie konnten mir auch alle relevanten Attribute des jeweiligen Charakters nennen. Die empirische Datenbasis, auf deren Grundlage sie zu ihrer Definition von „Superheld“ gekommen waren, war also durchaus beachtlich.

DIE WELT DER COMICS

Für alle, die sich in der Welt der Comics ähnlich schlecht auskennen wie ich, sei vorab kurz erklärt, dass es zwei grundsätzlich unterschiedliche Comic-Welten gibt: Zum einen gibt es das „DC Comics Universe“ (DCU), benannt nach dem US-amerikanischen Comicverlag DC Comics. Im DCU tummeln sich etwa Batman, Superman, Flash oder Wonder Woman. Im Konkurrenz-Universum der Marvel-Studios hingegen, im „Marvel Cinematic Universe“ (MCU), kämpfen Iron Man, Hulk, Thor, Captain America, Doctor Strange, Spider-Man, Ant-Man, Black Panther oder die Guardians of the Galaxy namens Star Lord, Gamora, Drax, Mantis, Rocket und Groot gegen das Böse.

Das MCU ist dem DCU also hinsichtlich der „Personalausstattung“ (und übrigens auch im Blick auf die Einspielergebnisse) überlegen. Und gerade in diesem MCU ist 2018 derjenige Hollywood-Blockbuster erschienen, der hier besprochen werden soll: „Avengers – Infinity War“. Warum es gerade dieser Film sein muss? Weil er meines Wissens der einzige Superhelden- Film aus dem MCU ist, bei dem am Schluss der Bösewicht gewinnt!

DIE CHARAKTERE

„Avengers – Infinity War“ ist der 19. Spielfilm innerhalb des MCU, er versammelt über 20 Helden. Da die Storylines aller MCU-Spielfilme miteinander verwoben sind und die Beziehungen zwischen den Heldinnen und Helden im Laufe dieser vielen Filme immer komplexer geworden sind (mit dramatischen On-Off-Liebesgeschichten, Zerwürfnissen, neuen Allianzen usw.), dürfte es selbst eingefleischten Fans Schwierigkeiten bereiten, alle relevanten Vorgeschichten und alle vorausgegangenen Beziehungsprozesse, die in „Avengers – Infinity War“ als selbstverständlich vorausgesetzt werden, sofort parat zu haben. Das macht es umso schwieriger, den Film in der üblichen (also einer der Filmhandlung entlanggehenden) Weise vorzustellen, ohne völlig den Rahmen zu sprengen. Es mag genügen, darauf hinzuweisen, dass die Komplexität des MCU mittlerweile extrem hoch ist und diejenige bekannter anderen Science-Fiction-Fantasy- Filmwelten (wie Star Wars oder Herr der Ringe) locker übertrifft.

Statt also die Filmhandlung zu erläutern, werde ich nur eine einzige Storyline aus dem Film herausgreifen und den Weg des Bösewichts nachzeichnen; er scheint mir ohnehin der interessanteste Charakter zu sein. Sein Name ist Thanos (was wohl nicht zufällig an Thanatos, den griechischen Totengott, denken lässt), er stammt vom Planeten Titan und gehört damit zur Spezies der Titanen. (Das MCU hat eine Vorliebe dafür, antike griechische und nordische Mythologeme und Namen ins Universale zu skalieren.) Als junger Mann musste er miterleben, wie seine Welt durch Überbevölkerung und Ressourcenknappheit zugrunde ging. Die von ihm damals propagierte „Lösung“, nämlich die Hälfte der Bevölkerung durch Losentscheid zu töten, um der anderen Hälfte das Überleben zu ermöglichen, wurde als monströs verworfen – am Ende aber starb der ganze Planet. Seither verfolgt Thanos unerschütterlich ein einziges Ziel: Als übermenschlich starker Kriegsherr zieht er von Planet zu Planet und tötet wahllos jeweils die Hälfte der jeweiligen Bevölkerung. Angesichts der Begrenztheit der Ressourcen des Universums besteht sein ethisches Kalkül darin, der Hälfte des Universums das Überleben zu ermöglichen, indem er die andere Hälfte tötet – Genozid als Heldentat. Thanos handelt also konsequent gesinnungsethisch. Dass er weder aus Boshaftigkeit noch aus Rache tötet, dass er selbst sogar Mitleid und Sympathie für seine Opfer empfindet, dass er kein skrupelloser Mörder ist, sondern das Gute will, verleiht seinem Charakter eine enorme Tiefe.

DAS RICHTIGE TUN

„Avengers – Infinity War“ handelt nun im Kern davon, dass sich Thanos quer durch das Universum auf die Suche nach den sechs sogenannten Infinity-Steinen begibt – Elementarkristalle, die beim Urknall entstanden sind und demjenigen, der sie trägt, unvorstellbare Macht verleihen: Der blaue Infinity-Stein kontrolliert den Raum, der rote die Realität, der gelbe die Gedanken, der violette die Macht, der grüne die Zeit und der orangefarbene die Seele. Sollte es Thanos gelingen, alle sechs Steine zu vereinen, wäre er allmächtig. Dann bräuchte er nur noch mit den Fingern zu schnippen, um die Hälfte des Lebens im Universum zu vernichten. Als er im Laufe des Films sogar seine eigene Ziehtochter Gamora als Opfer darbringt, um den Seelenstein in seinen Besitz zu bringen (gemäß der archaischen Logik „eine Seele für eine Seele“), wird deutlich, welchen Preis er für seine moralische Überzeugung, wenigstens die Hälfte des Lebens im Universum zu retten, zu zahlen bereit ist. Die gut zweieinhalb Stunden Kinozeit vergehen also damit, wie Thanos einen Stein nach dem anderen einsammelt, während die zahlreichen Helden eine Niederlage nach der anderen hinnehmen müssen und schließlich besiegt werden. Nicht wenige von ihnen sterben am Schluss, als Thanos gewinnt: Spider-Man, Doctor Strange, Black Panther und andere zerfallen vor den Augen ihrer Freunde und des Publikums zu Staub. Der Film nimmt die dramaturgische Empfehlung „kill your darlings“ also mehr als ernst, und die emotionale Wirkung ist dementsprechend intensiv. Am Ende sieht man Thanos, der auf einer Veranda irgendeiner Welt zufrieden in den Sonnenuntergang schaut – in der Gewissheit, gegen alle Widerstände das Richtige getan zu haben.

DER GOLDSTANDARD DES CHRISTLICHEN SUPERHELDEN

Wenn das Wesen eines Helden darin bestünde, sich auch dann für das (von ihm selbst erkannte) Richtige einzusetzen, wenn alles dagegen steht, dann wäre Thanos im Grunde ein Held. Eine zentrale Erkenntnis, die der Film umsetzt, lautet also: Auch die richtige Gesinnung (z.B. der Wille, Menschen zu retten), große Kraft und eine Extraportion Durchhaltevermögen machen noch keinen Helden aus. „Avengers – Infinity War“ schärft damit noch einmal das Profil des genuinen Superhelden: Neben der guten Absicht, Macht und ausreichend Resilienz muss ein echter Held außerdem noch bereit sein, den ihm innewohnenden Drang zur Dominanz zu widerstehen. Oder, um es einfacher zu formulieren: Echte Helden haben Demut, und daran fehlt es Thanos. Als Superman am Ende von „Batman v Superman: Dawn of Justice“ (2016) im Konkurrenz-Universum von DCU stirbt, um die Menschheit zu retten, wird er zu einem solchen genuinen Helden. Darin zeigt sich, dass alle zeitgenössischen Superhelden im Grunde noch immer (wenn auch ungewollt) am Goldstandard des christlichen Superhelden Jesus Christus gemessen werden: Jesus hatte eine gute Absicht (die Menschheit zu erretten), die entsprechende Macht (Wunder zu wirken), das Durchhaltevermögen bis zum Ende (am Kreuz) – und die Demut, sich dem Willen der Menschen und Gottes zu beugen und in den Tod zu gehen. Superman nimmt sich Jesus implizit zum Vorbild, Thanos nicht.

Zum Abschluss noch ein praktischer Tipp: Für ein einzelnes Filmgespräch etwa im Rahmen der Jugendarbeit oder der Erwachsenenbildung eignet sich der Film m. E. nur bedingt, um dem Thema „Held“ näher auf die Spur zu kommen. So interessant Thanos als Charakter ist, so schwer dürfte es sein, das Publikum hinreichend mit den vielen wichtigen Sinnbezügen zu anderen Filmen des MCU vertraut zu machen. Wer sich den Spaß macht und vorher die anderen 18 MCU-Spielfilme im Filmgespräch bearbeitet, könnte jedoch großen Gewinn aus der Analyse von „Avengers – Infinity War“ ziehen.

Kirchenrat PD Dr. theol. habil. Haringke Fugmann, geboren 1972, ist landeskirchlicher Beauftragter der Ev.-Luth. Kirche in Bayern für religiöse und geistige Strömungen.

 

Die Avengers und ihre Verbündeten müssen Thanos (Josh Brolin) besiegen, bevor dieser das Universum vernichtet.

 

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