10.05.20

Kann man nicht staerker sein als die Angst?

Von: Klaus Dettke

Die „Trotzmacht des Geistes“ im Umgang mit einem mächtigen Gefühl

 

von Barbara Schellhammer

 

Angst gehört zum Leben. Ja, sie ist im tiefsten sogar lebensfördernd. Wer in der aktuellen Weltsituation Angst hat, gerät jedoch leicht unter den Einfluss von Populisten und Fundamentalisten. Was hilft?

Die Angst ist eine menschliche Grundbefindlichkeit. Als Ausdruck unserer leiblichen Existenz zeigt sie sich bereits im Fremdeln eines Kindes, das sich an die sichere Nähe des Vertrauten klammert. Die Angst begleitet uns von der Geburt bis zum Tod. In ihr zeigt sich, dass wir letztlich immer auf uns selbst zurückgeworfen sind. Alles Klammern nützt nichts: Wir kommen und wir gehen allein. Zugleich gibt es im Leben eines jeden Menschen auch ganz konkrete Angstobjekte, die ihren Ursprung sowohl in der persönlichen Lebensgeschichte als auch in der kulturellen Verwurzelung haben. Mit Kierkegaard würde man hier jedoch eher von „Furchtobjekten“ sprechen, denn die Furcht vor etwas unterscheidet sich von der existenziellen Grunderfahrung der Angst, in der ich mich ängstige. Dementsprechend finden wir sowohl individuell als auch gesellschaftlich Strategien, sie einzudämmen, zu vermeiden oder zu bewältigen. Dabei zeigt sich die Furchtreaktion janusköpfig: Einerseits enthält sie das Potenzial für einen ganz enormen Aktivismus, andererseits lähmt sie uns wie das bekannte Reh, das im Scheinwerferlicht erstarrt.

Neue Formen der Angst

Das ist alles nichts Neues, das Phänomen der Angst prägt seit jeher unser persönliches In-der-Welt-Sein sowie das menschliche Miteinander. Neu sind jedoch Formen der Angst, die sich angesichts ökologischer Krisen als panikartige „Eco-Anxiety“ regelrecht als ein Klima der Angst verbreiten oder sich im Zuge disruptiver digitaler Entwicklungen in bedrohlichen „Algorithmen-Apokalypsen“ widerspiegeln. Auch die Angst vor „Überfremdung“ durch den Zustrom zahlreicher Migrant*innen oder die Angst, dem Optimierungsdruck der eigenen Lebensgestaltung nicht gerecht werden zu können, erreichen eine Dimension, die Hartmut Rosa als „kollektive Angst-Epidemie“ bezeichnet. „Entängstigung“ sei schon jahrzehntelang nicht mehr so schwergefallen wie heute, schreibt Heribert Prantl. Auch für Heinz Bude ist klar, dass die Angst ein wichtiger Erfahrungsbegriff der heutigen Gesellschaft sei: „Angst zeigt uns, was mit uns los ist.“

Die Instrumentali­sierung der Angst

Der Begriff der Angst ist aber vor allem auch ein Machtbegriff – und zwar in mindestens zwei Dimensionen: Wenn sie uns packt, hat sie uns im Griff, sie ist in der Lage, unser Denken auszuschalten und unseren Körper zu kontrollieren. Die wachsende Normalisierung einer nationalistischen, populistischen und antisemitischen Rhetorik nutzt genau diese „Funktion“ der Angst, um sie für ihre eigenen Interessen zu instrumentalisieren. Denn sie inszeniert nicht nur Schreckensszenarios, sondern verspricht zugleich Sicherheit und Schutz, d.?h. sie induziert Angst, um sich dann als die rettende Hilfe anzubieten. Die Taktik der „Versicherheitlichung“ sei ein Taschenspielertrick, schreibt Bauman. Kurz: wer Angst hat, wird von ihr beherrscht und lässt sich leichter beherrschen. Prantl spricht von den „Heizern“, die im Kessel des Zuges unaufhaltsamer globaler Entwicklungen noch mehr Dampf machen. Wie in Goethes Erlkönig werden Ängste durch die menschliche Einbildungskraft noch geschürt – und können letztlich sogar todbringend sein.

Die Botschaft der Angst

An dieser Analyse ist sicher etwas dran, und es gilt, sie sehr ernstzunehmen – dennoch möchte ich bei meinen Ausführungen anstatt der Politik mit der Angst noch Öl ins Feuer zu gießen, lieber dem nachgehen, was Viktor Frankl als „Trotzmacht des Geistes“ bezeichnet. Damit meint er die innere Haltung des Muts, die sich selbst angesichts aussichtsloser Situationen kultivieren ließe. Mit seiner „Trotzmacht“ des Geistes formuliert Frankl einen positiven Weg im Umgang mit der Angst, der anders als ein negativ formuliertes „Ängstigt euch nicht“ den Möglichkeitssinn einer Person erweitert. Denn neurophysiologisch gilt es mittlerweile als Binsenweisheit, dass unser Gehirn nicht in Negativen denken kann: Zur Verdeutlichung dient meist das Beispiel eines Aufzugs, der unvermittelt seine Fahrt durchbricht, und jemand sagt: „Jetzt bloß keine Panik bekommen!“ Kaum ist der Satz ausgesprochen, spüren wir, wie uns innere Unruhe befällt, die Hände zu schwitzen beginnen und das Herz schneller schlägt.
Umgekehrt ist es aber auch keine Lösung, Ängste zu ignorieren, herunterzuspielen oder durch positive Gefühle plump übertünchen zu wollen. Genauso wenig lassen sie sich wegvernünfteln – Tobias Brocher spricht hier treffend von unangemessener „Verhirntheit“. Die Bedeutung von Ängsten als überlebensnotwendiges Alarmsystem, als Motivationskraft, um Veränderungen anzustoßen, ist ebenfalls ein Allgemeinplatz. Vielleicht könnte man auch sagen, Ängste haben eine wichtige Botschaft, sie sind ein Symptom, also ein Zeichen für etwas. Das Problem dabei ist, dass wir meist so mit dem Kampf gegen sie bzw. gegen das Angstobjekt beschäftigt sind, dass wir gar nicht dazu kommen, dem weiter nachzugehen. Der Kampf gegen die Angst macht sie meistens sogar noch größer, was man bereits daran erkennt, dass die Angst vor der Angst eine besonders schlimme und tiefsitzende Form der Angst ist. Das ist auch nicht weiter verwunderlich, denn wer geht schon gern in die Höhle, in der man den Löwen erwartet?
Die Angst beginnt mit dem Unheimlichen im eigenen Heim, mit einem Gefühl des Ausgesetztseins, das sich unserer Kontrolle entzieht. Zugleich haben wir unsere eigene Angst nicht im Griff – nicht wir haben Angst, sondern sie hat uns –, was doppelt bedrohlich wirkt, denn aus der Fassung geraten sind wir außer uns. Nicht selten bekämpfen wir die Angst um und vor uns selbst im Anderen. Dementsprechend schreibt C.?G. Jung, es sei eine herausfordernde Mutprobe, dem eigenen Schatten zu begegnen – sie sei aber nötig, um nicht „alles Negative auf die Umgebung [zu] projizieren“. Darin steckt auch der Grund für die sokratische Aufforderung zur Selbstsorge, denn nur diejenige, die sich um die eigene Seele sorgt, erliegt nicht ihren dunklen Impulsen, sondern kann den eigenen Emotionen in großer innerer Freiheit antworten. So bricht die Trotzmacht des Geistes die Macht der Angst.

Die Konfrontation wagen

Wir werden dann stärker als die Angst, wenn wir es wagen, ihr zu begegnen, um zu verstehen, welches Bedürfnis hinter ihr steht. Dann erscheint die Angst gewissermaßen in einem neuen Licht, wir können sie „re-framen“. Damit verliert sie ihren dunklen Schrecken, denn sie zeigt sich wie Fremdes vor allem in ihrer Unbestimmtheit. In dieser Macht des Geistes, die der Angst trotzt, weil man sich nicht alles von sich gefallen lassen muss, scheint eine Facette des Menschseins hervor, die mehr ist als der animalisch-instinkthafte Reflex von Kampf, Schock oder Flucht. Ebenso wie Frankl bezieht sich auch Kierkegaard auf den Geist des Menschen, der ihm zufolge „eine Synthese des Seelischen und des Leiblichen“ darstellt. So lässt sich der Geist einerseits leicht von den leiblichen Regungen in die Flucht schlagen, er hat andererseits aber auch die Macht, ihnen die Stirn zu bieten. Völlig losgelöst von der Angst ist der Mensch dabei jedoch nicht, sie begleitet ihn wie ein Schatten. Denn in der Synthese von Leib und Seele bleibt der Mensch „zwielichtig“ – und damit bleibt die Angst vor der eigenen Unberechenbarkeit. Kierkegaard spricht von einem „Schwindel der Freiheit“ als die bodenlose Angst vor dem Nichts oder vor einem gähnenden Abgrund. Ist es Zufall, dass Frankl seine „Trotzmacht des Geistes“ insbesondere beim Klettern an steilen Felswänden herausfordert? Der Mensch kann über seine eigenen Fähigkeiten hinauswachsen – auch wenn ihm dabei schwindelig wird.
Das erinnert an das Märchen der Gebrüder Grimm „Von einem, der auszog, um das Fürchten zu lernen“. Diese Geschichte besagt mindestens zweierlei: Erstens muss jeder Mensch das Abenteuer seines Lebens bestehen – und dazu gehört: sich ängstigen lernen, d.?h. zu lernen, mit der eigenen Angst umzugehen, um nicht von ihr überwältigt zu werden, sondern vielmehr in der Lage zu sein, sich ihr immer wieder auszusetzen, um aus ihrer Anspannung heraus Neues zu wagen. Frankl spricht hier von „Inseln der Askese“ in Zeiten des eintönigen Überflusses, also von Übungen (griech. askesis), um dem „Terror des Gleichen“ zu entkommen. Das führt zweitens zu der Erkenntnis, dass ein Leben ohne Angst auch keine Lösung ist, denn wie klagt der junge Angstsucher im Märchen: „Ach, wenn mir’s nur gruselte!“ Ein völlig angstfreies Leben wäre ein apathisches Leben, eines, das sich gegen das pathische Widerfahrnis des Unerwarteten mit einem dicken Panzer wappnet: „Man klammert sich an das, was man weiß, und schirmt sich ab gegen das, was man erfährt. Dazu gehört eine Desensibilisierung für fremde Ansprüche und Bedürfnisse und eine Fixierung auf eigene Belange. Infantile Hörigkeit schlägt um in infantile Allmachtswünsche. Hinzu kommen Feindbilder, die mit leibhaftiger Fremderfahrung nur noch wenig zu tun haben.“ Angsthaben beschreibt also die Fähigkeit, sich berühren zu lassen, nicht taub zu sein, sich auszusetzen und an die eigenen Grenzen zu gehen. Gewissermaßen führt die Angst ins Leben, „denn eine heimische Welt, die alle Fremdheit abstreifen würde, wäre keine Lebenswelt mehr, sondern ein Mausoleum“. Angst ist ein Ausdruck innerer Lebendigkeit, „ihr wohnt inne, dass man sie überwinden will“.

Die Trotzmacht des Geistes kultivieren

Die Botschaft der Angst impliziert somit immer auch eine Aufforderung zum Widerstand. Wie der unbequeme Sokrates stachelt sie uns an – nicht zuletzt auch gegen unsere eigene Angst, „gegen die eigene Bequemlichkeit, gegen das eigene Angepasstsein, gegen Sätze wie ‚nach mir die Sintflut‘ oder ‚allein kann man ja ohnehin nichts bewirken‘“. Frankl spricht vom Widerstand gegen den „inneren Schweinehund“. Es ginge dem Kletterbegeisterten nicht nur um die künstlich kreierten Notwendigkeiten, sondern auch um Möglichkeiten – und darum, die Grenze des Menschenmöglichen immer weiter hinauszuschieben und dabei über sich selbst hinauszuwachsen. Es geht darum, den Möglichkeitssinn zu kultivieren und sich nicht den vermeintlichen Fakten zu ergeben. Deswegen meint wohl auch Heribert Prantl, das Gegenteil von Angst und Furcht sei nicht der Heldenmut, sondern die Hoffnung.
Vielleicht sollten wir weniger von der Angst reden, die es zu überwinden gilt, sondern neugierig werden auf ihre Botschaft, auf das, was sie für unser Leben möchte, und dann über Lösungen und Chancen nachdenken – und so die Trotzmacht des Geistes kultivieren. Das Anheizen einer besorgten Gesellschaft der Angst verstellt geradezu den Blick auf konkrete Bedrohungen und führt dazu, dass der Druck des überhitzten Kessels erregter Wutbürger an anderen ausgelassen wird. Es gilt also, sich in der Kunst des Ängstigens zu üben, d.?h. in der Auseinandersetzung mit der eigenen Angst Besonnenheit zu erlangen, um den Herausforderungen, die sich uns stellen, mutig und entschlossen entgegentreten zu können. Nur so erlangt man die innere Freiheit, sich nicht hineinziehen zu lassen in die Propaganda einer Endzeitstimmung, die apodiktisch die Schuldigen für die Bedrohungen unserer Zeit auszumachen meint. Wir alle sollten ausziehen, um das Fürchten zu lernen – wohlwissend, dass dieser Übungsweg nie an ein Ende gelangt.

Barbara Schellhammer, geboren 1977, lehrt an der Hochschule für Philosophie in München. Sie lebte viele Jahre in Kanada und forschte unter Inuit in der Arktis. Sie war Professorin für interkulturelle Soziale Arbeit an der CVJM-Hochschule in Kassel und initiierte Forschungsprojekte in Kenia und Togo. Sie engagierte sich zu Fragen des „Peace Leadership“ im Irak. 2018 habilitierte sie sich an der Universität Hildesheim.

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