13.02.19

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Von: Gabriele Stotz-Ingenlath

Eine alltägliche Mobbinggeschichte

 

von Gabriele Stotz-Ingenlath

Auf der Party am Freitagabend hatte ein Junge sie aufgefordert, sonst hätte sie nicht getanzt, schließlich war sie nur der anderen wegen mitgekommen. Sie tanzten eine ganze Weile, und sie fand ihn auch ganz nett. Sie wechselten ein paar Worte, belanglose, tanzten wieder, saßen mit der Gruppe noch kurz zusammen und gingen dann auseinander. An viel mehr erinnerte sie sich nicht.

Am Montag war wieder Schule, das Übliche. Sie war gewissenhaft, lernte gern und versuchte immer mitzuarbeiten. Dass ihr das nicht immer nur Freunde machte, war ihr seit Längerem bewusst. Sie wurde ausgegrenzt, als Streberin bezeichnet. Zu den Coolen hatte sie eh nie gehört. Vielleicht war sie auch einfach nachdenklicher veranlagt als die anderen. Dennoch kam sie im Klassenverband ganz gut zurecht, weil sie hilfsbereit war, anderen Schwieriges erklärte und Hausaufgaben abschreiben ließ. Zur Klassengemeinschaft wollte sie immer gern dazugehören, und sie versuchte deshalb, überall mitzumachen und immer mitzukommen, wenn man sie denn – wie am vergangenen Freitag – schon einmal einlud, was selten genug vorkam.

Heute hatte sie in der Schule allerdings den Eindruck, dass ihr Feindseligkeit entgegenschlug. In der Pause kehrte ihr eine Mitschülerin mit einer Gruppe anderer Mädchen ganz offensichtlich den Rücken zu; sie hatte auch das Gefühl, man tuschle über sie. Eine andere zischte ihr im Klassenraum von hinten zu: „Dass du so fies bist, hätte ich echt nicht gedacht!“ Unangenehm berührt sprach sie nach der Schule ein Mädchen an, mit dem sie sich früher gut verstanden hatte, und fragte, was denn los sei. Und dann blieb ihr beinahe die Luft weg: Die andere zeigte ihr einen Klassenchat, aus dem offenbar nur sie ausgenommen worden war. Darin waren mehrere Fotos mit ihr und dem Jungen auf der Party zu sehen. Sie tanzten recht eng, dazu der Kommentar: „Dieses Biest hat mir meinen Freund ausgespannt.“ Weiter unten im Chat erschienen Fotos von ihr in Unterwäsche: Aufnahmen, die vor einem Jahr im Zimmer bei der Klassenfahrt in ausgelassener Stimmung entstanden waren. Ein Bild war dabei, auf dem sie betrunken und derangiert aussah. Dazu gehässige Kommentare.

In den nächsten Tagen und Wochen spitzte sich die Situation zu, denn sie wurde von den Mitschülerinnen nun direkt angeschrieben. Die Nachrichten las sie zu Hause wieder und wieder. Verzweifelt versuchte sie sich zu rechtfertigen, etwas klarzustellen, die Fotos in andere Zusammenhänge einzuordnen, aber sie erhielt weiter Hassmails und dann irgendwann überhaupt keine Nachrichten mehr. In der Schule wurde sie geschnitten, aus ihrer Klasse sprach kaum noch jemand mit ihr, und da die Klassen vernetzt waren, konnte sie davon ausgehen, dass fast die ganze Schule wusste, was ihr vorgeworfen wurde.

Sie entwickelte Ängste, überhaupt in die Schule zu gehen. Bald blieb sie wegen Kopfschmerzen zu Hause. Die Eltern waren besorgt; ihre Tochter hatte sich sehr verändert, sagte ihnen aber nicht, warum. Auch den Lehrern fiel die Veränderung auf, weil sie mehrfach unentschuldigt fehlte, die schulischen Leistungen nachließen und sie sich am Unterricht nicht mehr beteiligte. Sie hatten ebenfalls keine Erklärung.

Nach den Sommerferien sollte die Abiturstufe beginnen. An einem der letzten Ferientage nahm sie eine Überdosis Tabletten. Ihre Eltern fanden sie, und sie wurde in einer psychiatrischen Klinik über Wochen behandelt. Ein Rückkehrversuch in die Klassengemeinschaft scheiterte. Zwar entschuldigte sich das Mädchen, das den Vorwurf gegen sie erhoben und ins Netz gestellt hatte, aber sie hatte den Eindruck, dass all die Vorwürfe und die kompromittierenden Bilder im Netz nie mehr gelöscht oder anders interpretiert werden könnten. Die Therapeuten schlugen einen Schulwechsel vor. Sie musste eine neue Kurswahl treffen, sich neu einfinden. Das gelang ihr nicht, von Anfang an fühlte sie sich von den neuen Mitschülern ebenfalls abgelehnt; ständig hatte sie das Gefühl, sie wüssten über sie Bescheid.

Heute ist sie 22 Jahre alt, hat noch kein Abitur und keine Berufsperspektive, nimmt Antidepressiva und ist in Psychotherapie. Einen erneuten Schulbesuch wird sie voraussichtlich nicht mehr schaffen.

Hier lassen wir die Fallgeschichte enden, offen.

SOZIAL VERSIERTE TÄTER

Mobbing im Schulalter führt zu einer lebenslangen Destabilisierung; die Hilflosigkeit, die Betroffene erleben, und die massive Krise des Selbstvertrauens durch die Missachtung prägen den weiteren Lebenslauf. Etwa ein Fünftel der Mobbingopfer kennt Suizidgedanken. Mobbing kann also tödliche Auswirkungen haben. Studien zeigen, dass es an deutschen Schulen derzeit etwa eine halbe Million Mobbingopfer gibt.

Der Verhaltensforscher Konrad Lorenz prägte 1963 den Begriff to mob, wenn eine Gruppe schwächerer Tiere auf einen überlegenen Gegner losgeht. Mobbing, wie wir es heute verstehen, geht im Gegensatz dazu von einer Gruppe von Stärkeren aus, die zur eigenen sozialen Aufwertung einzelne Schwächere angreift. Mechthild Schäfer, die 2010 einen einschlägigen Mobbingreport veröffentlicht hat, definiert Mobbing als „systematische beständige Aggressionen einer Gruppe gegen Einzelne“.

Die Täter haben soziale Macht in einer Gruppe und bekommen dadurch Aufmerksamkeit und Anerkennung. Sie sind häufig sozial versiert und erkennen die Wünsche, aber auch die Verletzlichkeit anderer, vielleicht schwächer integrierter und leichter angreifbarer Kinder. Diese Kenntnis nutzen sie zur Manipulation aus. Mobbende Kinder sind nicht genuin böse, sie streben nach Dominanz. Oft wird in der Erziehung in der modernen Wettbewerbsgesellschaft Durchsetzungsvermögen ja auch positiv konnotiert und verstärkt.

EINE LEBENSLANGE DESTABILISIERUNG

Die Opfer sind nicht immer Außenseiter oder „anders“; Mobbing entsteht in einer gewissen Gruppendynamik, in der prinzipiell jeder Opfer werden könnte. Wenn jeder auf dem Schulhof mal Opfer und mal Täter ist, reguliert sich das Zusammenleben im besten Fall von selbst. Wenn es jedoch „Dauer-Opfer“ gibt, spüren sie irgendwann ihre Hilflosigkeit und Ausgesetztheit, und dann können sie gar nicht mehr anders als falsch reagieren. Aus Angst, dass die Situation noch mehr außer Kontrolle gerät, berichten sie oft nichts zu Hause. Sie haben Angst, die Eltern könnten sich einmischen und alles noch schlimmer machen. Es entwickeln sich Schlafstörungen, depressive Symptome, Suizidgedanken und kompletter Rückzug – Krankengeschichten wie die obige. Wehren können sich Betroffene meist nicht, manchmal kommt es zum Suizid, zur nach innen gerichteten Aggression. Aber auch in der Vorgeschichte von Amokläufern lassen sich überzufällig häufig Mobbingerfahrungen nachweisen.

In der Klassengemeinschaft gibt es „Assistenten“ der Täter, Kinder, die die Täter stärken, indem sie nicht eingreifen, und ein paar, die die Opfer verteidigen. Erich Kästner hat im „Fliegenden Klassenzimmer“ in einem – auch schon damals vorkommenden – Mobbingfall die Klasse zur Strafe den Satz schreiben lassen: „An jedem Unfug, der passiert, sind nicht nur die schuld, die ihn begehen, sondern auch die, die ihn nicht verhindern.“

Cybermobbing läuft oft noch infamer ab, da die Täter auch anonym handeln können und dem Opfer nicht in die Augen sehen müssen. Die Attacken bleiben nicht auf den Schulbereich beschränkt, sondern sind im Netz allgegenwärtig, also auch ausgeweitet auf den häuslichen Rückzugsbereich. Die Betroffenen werden über digitale Kanäle beleidigt, bloßgestellt und oft über lange Zeiträume belästigt.

WAS TUN?

Mobbing kann erkannt werden, auch schon in frühen Stadien. Zur Vorbeugung schlimmer Folgeschäden bis ins Erwachsenenalter muss alles daran gesetzt werden, Mobbingprozesse früh zu identifizieren und zu stoppen. Es handelt sich bei Mobbing nicht um einen Konflikt, den die Betroffenen untereinander ausmachen könnten. Im Zentrum des richtigen Umgangs stehen bei Mobbing an Schulen die Lehrer. Sie müssen eingreifen und sich dabei Unterstützung von Kollegen und Schulleitern suchen. Nur sie können klare, normgebende Aussagen machen und Konsequenzen ziehen. Eltern sollten sich, wenn sie Mobbing bemerken oder vermuten, an die Lehrer wenden und mit ihnen zusammenarbeiten, sich aber nicht selbst einmischen, also nicht die Schüler zur Rede stellen oder deren Eltern ansprechen.

Ist die Schädigung schon weit fortgeschritten und ist das Opfer zum „Fall“, d. h. psychisch krank geworden, wie in der obigen Fallgeschichte, muss eine Therapie durch Psychotherapeuten oder Psychiater stattfinden. Das gilt auch bei Mobbing im Erwachsenenalter, z. B. im beruflichen Umfeld. Die Behandlung kann oft lange dauern, Symptome können chronifizieren, und oft leiden die Opfer tatsächlich zeitlebens, bis ins hohe Alter unter den Auswirkungen von Mobbing, auch wenn es oft noch Kinder waren, die anderen Kindern all das angetan haben.

Dr. phil. Dr. med. Gabriele Stotz-Ingenlath, geb. 1963, ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie und in Philosophie promoviert. Sie arbeitet in der Ambulanz der Fliednerklinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik in Berlin, ist stellvertretende Leiterin des DGPPN-Referates „Spiritualität und Psychiatrie“ und Mitglied im Bundesverband Deutscher Schriftstellerärzte.

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