13.02.19

Sexueller Missbrauch und christlicher Glaube

Von: Erika Kerstner

Auf der Suche nach Beheimatung

 

von Erika Kerstner

Seit über 18 Jahren begleite ich vor allem erwachsene Frauen, die in Kindheit und Jugend, manche auch als junge Erwachsene sexualisierte Gewalt erlebt haben – in ihren Familien, im Nahbereich, in Schulen und Vereinen, in Kirchen. Es sind längst erwachsene Frauen, die sich auf ihrer Suche nach Halt, Sinn und Solidarität im Leben mit anhaltenden Traumafolgen dem christlichen Glauben zugewandt haben. Manche haben den christlichen Glauben ganz neu entdeckt, andere vertiefen ihren bestehenden Glauben, manche haben während ihrer Suche ihre Konfession gewechselt, nicht jedoch den Glauben.

Nur wenige unter den etwa 700 betroffenen Frauen, mit denen ich in Kontakt war oder bin, haben in ihrer Kirche eine Heimat gefunden. Diese Frauen berichten, dass sie sich in ihre Kirchengemeinde einbringen können, ohne ihre fragmentierte Lebensgeschichte ausklammern zu müssen. Die meisten betroffenen Frauen leben jedoch außerhalb einer Gemeinde oder, öffentlich unsichtbar, an ihrem Rand. Manche haben versucht, Anliegen von Opfern von Kindesmissbrauch in ihre Gemeinde einzubringen. Wenn es ihnen – wie es meist der Fall war – nicht gelang, haben sie sich wieder zurückgezogen.

Frauen berichten, dass sie in manchen Phasen der Vergangenheitsbewältigung Seelsorgende gesucht haben, die ihre Klagen ertragen, ihre Fragen – gerade auch die unlösbaren – begleiten und ein wenig Halt in haltloser Zeit geben. Manche haben eine Seelsorgerin gefunden, die mit ihnen zusammen Krisenzeiten aushält. Oft konnten sie ihre Nöte nur in ihren Therapien formulieren; religiös-spirituelle Fragen jedoch behandelten TherapeutInnen – zu Recht – mit Zurückhaltung. Überdies kann das therapeutische Setting keine Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft vermitteln. Seelsorgende hingegen können den Weg in eine Glaubensgemeinschaft oder Gemeinde vermitteln.

DIE FRAGE NACH DER ZUGEHÖRIGKEIT IST DAS KERNTHEMA

Missbrauchsopfer fragen: Wo gehöre ich dazu? Wo finde ich Heimat? In der sexualisierten Gewalt haben sie erlebt, dass niemand sie rettete, auch Gott nicht. „Die Zerstörung von Beziehungen ist kein Sekundäreffekt des Traumas, wie man ursprünglich glaubte. Traumatische Ereignisse wirken sich nicht nur direkt auf die psychischen Strukturen aus, sondern ebenso auf Bindungen und Wertvorstellungen, die den Einzelnen mit der Gemeinschaft verknüpfen. [...] Traumatisierte fühlen sich extrem verlassen, allein und ausgestoßen aus dem lebenserhaltenden Rahmen von menschlicher und göttlicher Fürsorge und Schutz. Nach den traumatischen Ereignissen beherrscht das Gefühl der Entfremdung und Nichtzugehörigkeit jede Beziehung, von engen familiären Bindungen bis zu eher abstrakten Bindungen an gesellschaftliche und religiöse Gemeinschaften.“1 Umso bedeutsamer ist, dass Betroffene sich in einer Gemeinschaft beheimaten können. In sozialer Isolation können die oft lebenslänglich anhaltenden Traumafolgen nicht gelindert werden. Es braucht Gemeinschaften, auch Kirchengemeinden, die um die Anwesenheit von Opfern wissen und bereit und in der Lage sind, Betroffenen Heimat zu geben.

WAS KÖNNEN SEELSORGENDE TUN, UM DAS LEBEN VON OPFERN SEXUALISIERTER GEWALT ZU ERLEICHTERN?

1. Seelsorgende können in der Begleitung von Missbrauchsopfern kompetent werden

Seelsorgende erzählen mir, dass sie im Kontakt mit Betroffenen hilflos und unsicher seien. Sie haben Angst vor Gesprächen mit ihnen und fürchten, ihnen nicht gerecht werden zu können. Dem entspricht die Erfahrung vieler Frauen, die von ihrer vergeblichen Suche nach seelsorglicher Begleitung berichten. Sie wünschten sich in besonders kritischen Lebensphasen eine Seelsorgerin oder – seltener – einen Seelsorger. Eine kritische Phase ist oft die Zeit, wenn die Erinnerung, nicht selten erst nach Jahren, manchmal Jahrzehnten der Latenz aufbricht und die Frage, wo Gott war zur Zeit der oft langen Gewalterfahrung und wo Gott heute ist, wenn es darum geht, das fragmentierte, zerbrochene Leben anzuschauen und mit dem beschädigten Leben neuen Boden unter den Füßen zu gewinnen. Kritische Phasen sind jene, die auch in nicht traumatisiertem Leben eine Herausforderung darstellen, die jedoch durch die Traumatisierung verschärft werden: Ausbildung und Beruf werden oft durch Klinikaufenthalte unterbrochen, Partnerschaft ist häufig belastet, Schwangerschaft und Geburt lassen Ausgeliefertsein erleben, Krankheiten müssen ohnmächtig hingenommen werden, Kinder verlassen das Elternhaus, Menschen werden alt und sind eingeschränkt. Das Sterben revitalisiert alle Erfahrungen von grenzenloser Einsamkeit, die ja bereits das bisherige Leben prägten. Wer Missbrauchsopfer seelsorglich begleitet, muss darum wissen, was Traumatisierung durch Menschengewalt langfristig anrichtet und dass es hinfort keinen Lebensbereich mehr geben wird, der von den Traumafolgen unbelastet sein wird.

2. Gemeinden können ihr Bewusstsein für die Anwesenheit von Missbrauchsopfern schärfen

Ich höre, der Umgang mit Missbrauchsopfern sei so schwierig, erfordere so viel Sensibilität, sei so heikel, dass MitchristInnen ihn sich nicht zutrauen. Deshalb verweisen sie auf Spezialisten. Im Übrigen, sagen sie, würden sie gar keine Opfer kennen.

Nun ist es äußerst unwahrscheinlich, dass Nichtbetroffene keine Missbrauchsopfer kennen. In einem durchschnittlichen Bekanntenkreis von ca. 100 Menschen sind mit statistischer Wahrscheinlichkeit 9 Frauen und 5 Männer, die im Alter von 0 bis 14 Jahren Opfer von Kindesmissbrauch wurden. In katholischen Gemeindeverbänden mit 10 000 Mitgliedern sind unter den ca. 1 000 Mitfeiernden im Sonntagsgottesdienst 35 betroffene Männer und 104 betroffene Frauen – jede/r Siebte. Nehmen wir Menschen hinzu, die jenseits des 14. Lebensjahres Opfer menschlicher Gewalt wurden (z. B. jede 4. bis 3. Frau, die Partnergewalt erlebt), müssen wir davon ausgehen, dass auch in den Gottesdiensten und in jeder Gemeindeveranstaltung – im Trauergespräch und bei der Beerdigung, im Bibelkreis, in der Mutter- Kind-Gruppe, in der Bildungsveranstaltung ... Gewaltopfer anwesend sind. Für Gemeindemitglieder ist es wichtig, sich klar zu machen, dass sie immer schon mit Betroffenen zu tun haben, auch wenn ihnen das meist nicht bewusst ist. Betroffene tragen kein Etikett auf der Stirn, das sie kenntlich macht. Sie sprechen auch nur dann von sich, wenn sie Hinweise dafür haben, gehört zu werden.

3. Aus Gemeinden können hörbereite Gemeinden werden

Der immense Glaubwürdigkeitsverlust vor allem der katholischen Kirchenleitungen darf Gemeinden und PfarrerInnen nicht davon abhalten, sich offensiv auf den Weg zu den kirchlichen und außerkirchlichen Missbrauchsopfern zu machen. Eine Gemeinde, die sich zur hörbereiten Gemeinde entwickeln will, informiert sich zunächst über das Vorkommen von Missbrauch (nicht nur im kirchlichen Bereich!), über Traumatisierung durch Menschengewalt, über die Folgen von Traumatisierung. Sie will wissen – von Fachpersonen, Beratungsstellen, TherapeutInnen –, was Betroffene erleben, mit welchen Schwierigkeiten sie zu leben haben, was das Leben Betroffener erleichtern kann, welche Atmosphäre in der Gemeinde herrschen sollte, damit Betroffene sich dort willkommen wissen, ohne sich notwendigerweise kenntlich machen zu müssen.

4. Opfermythen und Opferbeschuldigungen muss Widerstand geleistet werden

Trotz aller medialer Präsenz des Themas in den letzten Jahren stelle ich immer wieder fest, dass viele Menschen wenig und oft auch Falsches von sexualisierter Gewalt gegen Minderjährige und schutzbedürftige Erwachsene und über die Folgen der Gewalt wissen: Irgendwann muss mal Schluss sein mit dem Thema. Ich kann das nicht mehr hören! Es gibt doch auch andere Menschen mit Problemen! — Ja, Missbrauch gibt’s überall, aber doch nicht bei uns! — Die müssen auch mal in die Zukunft schauen, nicht immer an der Vergangenheit kleben. — So ein Thema kann doch einer Gemeinde nicht zugemutet werden! Wenn die endlich vergeben würden, ginge es ihnen auch besser. Wenn betroffene Frauen und Männer solche – noch immer gängigen! – Äußerungen hören, wissen sie, dass sie gut daran tun, sich nicht zu erkennen zu geben.

Anders sieht es aus, wenn Opferbeschuldigungen widersprochen wird, wenn z. B. die Beschuldigung von Opfern als künftige Täter („Aus den Opfern werden Täter!“) korrigiert wird mit dem Hinweis, dass die meisten Opfer gerade nicht Täter werden; andernfalls wären unsere Gefängnisse ja voll mit Frauen, die wegen Sexualstraftaten verurteilt wurden. Dem Vorwurf, dass Opfer sich erst Jahre und Jahrzehnte nach dem Erlittenen melden, kann eine informierte Gemeinde begegnen mit dem Wissen, dass nicht wenige unter ihnen Jahre und Jahrzehnte einer psychogenen Amnesie unterliegen können; dass es – neben der Bewältigung des Alltags und der alltäglichen Traumafolgen – viel Kraft kostet, Missbrauch zu melden oder anzuzeigen, zumal in einer noch immer opferabwehrenden Umgebung. Einem anwesenden Opfer würde durch Widerstand gegen Opfermythen und -beschuldigungen signalisiert, dass es in dieser Gemeinde Menschen gibt, die sich für Opfer einsetzen und sich vom Leid Betroffener berühren lassen.

5. In Veranstaltungen muss das Wissen um Betroffene erkennbar sein

Im Gottesdienst bieten sich immer wieder Möglichkeiten, anwesenden ChristInnen und unter ihnen den Missbrauchsopfern zu zeigen, dass die Gemeindeleitung die Opfer wahrnimmt. Dies hilft auch, das Thema und die Betroffenen jenseits medialer Hypes im Blick zu behalten, nicht zur Tagesordnung überzugehen und ein Sprachrohr und Für-Sprecher für Betroffene zu werden – auch gegen Widerstände, mit denen zu rechnen ist.

Die Wahrnehmung von Missbrauchsopfern kann sich in einer immer mal wieder gesprochenen Fürbitte für die Opfer und ihre HelferInnen zeigen. Die Fürbitte braucht keinen besonderen Anlass, vielmehr sollte das Gebet für Missbrauchsopfer alltäglich sein – das Leid der Opfer ist es auch. Das Beten eines Klagepsalms im Gottesdienst kann den Opfern eine Sprache für ihr Leid anbieten und zugleich den Blick der MitchristInnen für das Leid von Menschen schärfen. Wer predigt, kann zuvor den Bibeltext aus der Perspektive von Opfern betrachten. Manchmal genügt schon ein Nebensatz, um Betroffene wissen zu lassen, dass sie im Blick sind und dazugehören.

Aber auch in den alltäglichen Begegnungen, oft „zwischen Tür und Angel“, gibt es Möglichkeiten zu zeigen, dass Seelsorgende und ChristInnen um Leben wissen, das durch sexualisierte Gewalt beschädigt, fragmentiert, manchmal gänzlich zerstört wurde. Wer solche Signale setzt, muss damit rechnen, dass Betroffene Vertrauen schöpfen und sich zu erkennen geben. Dann ergäbe sich die Chance, Betroffene miteinander zu vernetzen, damit sie einander stärken und stützen.

6. Man kann miteinander lernen, die Heilige Schrift aus der Perspektive von Opfern zu lesen

Im Zentrum des Christentums steht ein Opfer von Menschengewalt. Die Bibel des Alten und des Neuen Testaments ist voller Erzählungen von Gewalt, von Flucht und Vertreibung, Krieg, kollektiver und individueller Unterdrückung. Sie macht auch nicht Halt vor der Beschreibung sexualisierter Gewalt. Nicht selten wird der Bibel daher vorgeworfen, sie sei ein gewalttätiges Buch. Übersehen wird dabei, dass biblische Texte die Gewalt aufdecken, statt sie zu verschweigen.

Umso erstaunlicher ist, wie schwer es fällt, Gewalt im Nahbereich innerkirchlich zu thematisieren und die Betroffenen mitten unter uns wahrzunehmen. Viele biblische Texte müssten uns auf diesen blinden Fleck stoßen. So schreibt der älteste Evangelist, Markus, sein Evangelium im Angesicht des jüdischen Krieges. Was so verheißungsvoll mit der Ankündigung beginnt: „Anfang des Evangeliums von Jesus Christus, dem Sohn Gottes“ (Mk 1,1), endet mit dem Schweigen der Frauen: „Da verließen sie das Grab und flohen; denn Schrecken und Entsetzen hatte sie gepackt. Und sie sagten niemand etwas davon; denn sie fürchteten sich.“ (Mk 16,8 ist der ursprünglich letzte Satz des Evangeliums.) Den Frauen und dem Evangelisten hat es die Sprache verschlagen: Wie sollen sie das Evangelium, die frohe Botschaft, im Angesicht der Kriegstoten, der Verschollenen und der in die Sklaverei Verkauften verkünden? Markus lässt in seinem Evangelium Jesus den Weg gehen, den auch der Römer Vespasian mit seinen mordenden Soldaten gegangen ist. Mit dieser Nachzeichnung seines Wegs provoziert er ständig, dass die Zuhörer zuerst an die Opfer dachten. Er lässt sie an keiner Stelle seines Evangeliums vergessen, was sie sowieso nicht vergessen können. So konfrontiert er seine Leser und Hörer immer wieder mit der Frage: Ist es angesichts des erlittenen Terrors noch möglich, an einen guten Gott zu glauben, wie Jesus ihn in Wort und Tat verkündet hat? Weder verkürzt Markus die Osterbotschaft, noch verharmlost er die Erfahrung des Krieges.2 Damit erlaubt er auch heutigen Opfern sexualisierter Gewalt, ihre Menschen- und Gottverlassenheit zur Sprache zu bringen – ohne falschen Trost, aber auch ohne das Aufgeben von Hoffnung.

Gemeindliche Bibelkreise können es sich zur Aufgabe machen, in ihrer alltäglichen Arbeit mit biblischen Texten immer auch die Perspektive von Opfern zu bedenken und in die Gespräche einzubringen. Dieser Blickwinkel erlaubt es, alte, oft gehörte Texte ganz neu zu verstehen und ihre aktuelle Brisanz zu spüren. Christlicher Glaube kann so neu entdeckt werden als gute Botschaft gerade für die, die „unter die Räuber gefallen“ sind.

FAZIT: KIRCHENGEMEINDEN KÖNNEN MISSBRAUCHSOPFERN ZUR HEIMAT WERDEN

In Kirchengemeinden, die sich für das Leben Betroffener interessieren, kann eine Atmosphäre des Willkommens entstehen, die Missbrauchsopfern erlaubt, ihre Fragen an den Glauben zu stellen, ohne Angst haben zu müssen, als „defizitär Glaubende“ angesehen zu werden. Dort darf das Leiden an einer Vorstellung von Gott, der sein Kind opfert, thematisiert werden – scheint doch diese Interpretation des Todes Jesu jegliches Kindesopfer zu legitimieren und den Protest dagegen im Keim zu ersticken. In einer solchen Gemeinde kann auch neu über Vergebung nachgedacht werden: Müssen Missbrauchsopfer Tätern vergeben, noch bevor die ihr Gewissen erforscht, ihre Verbrechen bereut und bekannt und Wiedergutmachung versucht haben? Wie sieht das Elterngebot für Menschen aus, die in ihren Herkunftsfamilien missbraucht wurden und denen kein Familienmitglied geholfen hat? Müssen Betroffene ihre alten Eltern „ehren“, gar versorgen, auch dann, wenn sie ihre psychische Stabilität – die immer prekär ist – riskieren und durch den Kontakt zu den Eltern retraumatisiert werden?

In solchen Gemeinden kann die wichtigste Frage an Betroffene sexualisierter (und sonstiger) Gewalt auftauchen, die noch kaum gestellt wird und bislang weitgehend unbeantwortet ist: „Was brauchst du?“ (Mk 10,51) – „Was können wir tun, damit Ihr Leben ein wenig leichter wird?“

Erika Kerstner, geboren 1951, ist Lehrerin i. R. an Grund- und Hauptschulen, u. a. für katholische Religion, und Initiatorin von „GottesSuche. Glaube nach Gewalterfahrung“, www.gottes-suche.de.

Zum Weiterlesen:
Erika Kerstner / Barbara Haslbeck / Annette Buschmann: Damit der
Boden wieder trägt. Seelsorge nach sexuellem Missbrauch,
Schwabenverlag, Stuttgart 2016

 

1 Judith Hermann: Die Narben der Gewalt, Traumatische Erfahrungen verstehen und überwinden, München 1998, S. 77-78.

2 vgl. Andreas Bedenbender: Frohe Botschaft am Abgrund: Das Markusevangelium und der Jüdische Krieg, Leipzig 2013.

 

 

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