04.11.20

Tabu und Ritual - Wenn das hoch Bewertete zum Zwang wird

 

Von Burkhard Ciupka-Schön

 

Patienten mit Zwangsstörung führen sinnlose Handlungen aus, die auch ihnen selbst sinnlos erscheinen. Sie säubern z. B. etwas, das schon lange sauber ist. Eine Sonderform ist das Zwangsritual, eine stereotype Abfolge von Handlungen, die auch religiös bestimmt sein kann. Was ist dabei krank? Und was vielleicht doch gesund?

Es gibt nach aktueller Forschung 3,8 % Zwangskranke in der Bevölkerung, was in Deutschland einer Anzahl von ca. 2 Millionen Menschen entspricht. Damit ist die Zwangsstörung eine der häufigsten psychischen Störungen. Dennoch führt sie nach wie vor ein Schattendasein, weil Scham und Schuld zentrale Gefühle dieser Störung sind und dazu führen, dass Betroffene ihre Zwänge verheimlichen. Im Folgenden möchte ich einige Hinweise geben, wie Zwänge erkannt werden und wie Sie als Seelsorger*innen damit umgehen können.

Gerade jetzt, während der Corona-Pandemie, wird erneut deutlich, dass die Gesellschaft einen Anteil an der Entstehung von Zwängen hat. Wir sehen zurzeit sozusagen live und in Farbe die Entstehung von Zwängen, beispielsweise, wenn Menschen beim Autofahren Mundschutz tragen oder Toilettenpapier und Konserven horten, obwohl dies bestenfalls ein magischer Schutz vor einer abstrakten, kaum greifbaren Bedrohung ist. Die Grenzen zwischen Zwängen und dem gesunden Verhalten großer Teile der Bevölkerung verschwimmen.

Ein Zwang kommt selten allein, daher finden wir bei den Betroffenen stets eine Vielfalt von Zwangsgedanken und Zwangshandlungen. Bei Zwangshandlungen unterscheide ich Zwangsrituale, zwanghafte Tabus und Rückversicherung. Zwänge verlaufen leider häufig chronisch. Motivierte Betroffene können aber durchaus lernen, ihr Selbstbewusstsein zu entwickeln und den Teufelskreis aus Zwangsgedanken, negativer Anspannung und Zwangshandlungen zu unterbrechen und ihre Zwänge in den Griff zu bekommen.

Die rituelle Reinigung

Luther wird der Satz zugeschrieben: „Je mehr ich mich wasche, desto unreiner fühle ich mich!“ Ist mit diesem Waschen eine spirituelle Reinigung gemeint? Wahrscheinlich werden die meisten Kenner Luthers diese Deutung bevorzugen. Auch die Taufe kann ja als eine spirituelle Reinigung des Täuflings gesehen werden, spirituelle Reinigungen sind für Pilger nach Mekka vorgeschrieben, und das Bad gläubiger Hindus im Ganges ist ein weiteres Beispiel. Aber warum fühlte sich Luther nach der Waschung noch unreiner? Ich bin überzeugt, dass Luther, der an Depressionen litt, das Phänomen eines Zwangssymptoms beschreibt.

In der Therapie gilt die Regel: „Der Zwang hält nicht, was er verspricht, sondern er führt meistens zum genauen Gegenteil!“ Man denke z. B. an Waschzwängler mit ihrem extremen Hygieneanspruch, die gerade durch das exzessive Händewaschen Zugangswege für Viren und Bakterien schaffen. Außerdem wirken Zwangsrituale nur kurzfristig beruhigend, mittelfristig steigen die Anspannung und damit das Verlangen nach immer mehr neutralisierenden Waschritualen.

Magische Kontrollrituale beim Autofahren fordern so viel Aufmerksamkeit des Menschen mit einer Zwangsstörung, dass die reale Fahrsicherheit darunter leidet. Auch hier finden die Betroffenen nur kurzzeitig Beruhigung, mittelfristig steigen die Verunsicherung und das Verlangen nach immer mehr Kontrollritualen. Das o. g. Lutherzitat passt exakt in diese Logik des Zwangs. Wenn Luther mit dem Händewaschen ein Abwaschen von Schuld und eine Neutralisierung von Anspannung erreichen wollte, verkehrte sich seine Absicht in zwanghafter Weise in ihr Gegenteil: Je mehr er sich wusch, desto angespannter und unreiner fühlte er sich. Beim Gesunden, der keine Zwänge hat, stellt sich keine Erleichterung oder ein Gefühl von Reinheit ein. Hierin liegt ein erster, wichtiger Unterschied zwischen ungesundem Zwang und sinnvollem Handeln: Ziel von zwanghaften Ritualen ist die Spannungsreduktion.

Beichte und Tabus

Therapeuten kennen auch das zwanghafte Beichten, für das Luther ebenfalls Belege liefert. Wahrscheinlich würden wir Luther, wenn er heute unter uns leben würde, als einen Menschen bezeichnen, der unter religiösen Zwängen leidet.

Zu Luthers Zeiten gab es keinen elektrischen Strom, keinen Wasserhahn mit fließendem Wasser und kein Bewusstsein für Krankheitskeime. Viele aktuelle Zwänge waren damals unbekannt. Luther kannte aber die in den Kirchen gepredigte Androhung von Höllenqualen, und man kann davon ausgehen, dass die Zwänge des Mittelalters Aberglauben, Ängste vor Hölle, Fegefeuer, Hexen und Teufel zum Thema hatten. Niemand hatte damals die Hölle, das Fegefeuer oder den Teufel persönlich gesehen, so wie heute Corona für uns unsichtbar und unkontrollierbar ist. Gerade die unsichtbaren und abstrakten Bedrohungen wie Satan oder ein strafender Gott lösen bei unsicheren Menschen Ängste aus, die sich als Zwangsgedanken und Zwangshandlungen manifestieren können.

Menschen mit einem religiösen Zwang haben ebenfalls Angst vor der Hölle und vor Gottes Verdammnis. Da Gott ihnen in ihren Gebeten nicht direkt antwortet, suchen Zwangskranke Erleichterung in zwanghaften Ritualen oder Tabus. Eine Kreuzung wird gemieden, weil die Logik des Zwangs darin eine Blasphemie gegen das Kreuz Christi sieht, Himbeergeist wäre eine Lästerung des Heiligen Geistes. Selbstbestrafungsrituale nahe der Selbstverstümmlung, ähnlich den Flagellanten des Mittelalters, kommt auch bei Menschen mit (religiösen) Zwängen vor.

Ganz typisch ist es, dass Zwangskranke mit religiösen Zwängen Rückversicherung suchen bei Pastoren und Seelsorgern. Jeder meiner Klienten mit einem religiösen Zwang hat vorher mindestens einen Pastor oder Seelsorger (vergeblich) aufgesucht, bevor er sich an mich als Psychotherapeuten wandte.

Rückversicherungen

Religiöse Zwänge kommen selten allein vor, sondern haben typischerweise auch die bekannteren Formen des Zwangs im Gepäck (Waschen, Kontrollieren, Symmetrie etc.), was für Seelsorger eine wichtige Unterscheidungshilfe im Vergleich zu echten religiösen Fragestellungen eines Gläubigen sein kann. Ein weiteres gutes Merkmal für das Erkennen von krankhaften Zwängen ist, wenn Seelsorger von ein und demselben Gemeindemitglied mit der immer wieder gleichen Fragestellung konfrontiert werden, im Sinne eines Wiederholungszwangs. Ziel dieser zwanghaften Rückversicherungen ist es, Spannung abzubauen, Verantwortung und Angst abzuwehren. Es geht diesen Menschen nicht um das Erlangen vertiefender Erkenntnis. Da Menschen mit religiösen Zwängen in einem nicht abwertend gemeinten Sinn intelligente Meister der Tarnung sind, verstehen sie es, ihre vom Zwang bestimmte Kernfrage abzuwandeln oder hinter anderen Fragen oder gesunden Ritualen und Tabus zu verbergen.

Empathischen Seelsorgern möchte ich hiermit versichern, dass sie dem als zwangskrank erkannten Gemeindemitglied nicht helfen, wenn sie die zwanghaften Fragen immer und immer wieder beantworten. Genau wie Schnaps keine Hilfe für einen Alkoholkranken ist, so ist auch die Beantwortung von zwanghaften Rückversicherungsfragen keine Hilfe, sondern für Menschen mit einer Zwangserkrankung schädlich; sie sind Teil des zwanghaften Problems. Menschen mit Zwängen brauchen eher eine Konfrontation mit ihren Ängsten und eine Art Entzug von Zwangsritualen und zwanghafter Rückversicherung. Diese „Reizkonfrontation mit Reaktionsverhinderung“ wird von der Weltgesundheitsorganisation ausdrücklich als Therapieempfehlung erster Wahl bei Zwangsstörungen genannt.

Und was ist gesund?

Neben den zwanghaften Formen des Tabus gibt es natürlich auch die gesunden Varianten. Man käme nicht auf die Idee, sich in der Öffentlichkeit nackt auszuziehen, gegenüber der eigenen Frau ist es aber normal. Dieses Nacktheitstabu unterscheidet uns von anderen Primaten wie den Schimpansen. Man kann annehmen, dass die Menschwerdung unter anderem ein Nacktheitstabu zum Schutz und zur Aufwertung einer exklusiven Partnerschaft einschloss.

Heilige Orte werden durch Rituale und Tabus in ihrer Bedeutung für alle, die sie besuchen, aufgewertet und gewürdigt. Für das Betreten eines Hindutempels wird zu diesem Zweck das Ausziehen der Schuhe und von den Männern das Ablegen der Oberbekleidung verlangt. In christlichen Kirchen ist dagegen gerade das Ablegen von Kleidung und Schuhen tabu. Sowohl durch Anziehen als auch durch Ausziehen wird Gläubigen und Besuchern die Heiligkeit eines Ortes vor Augen geführt.

Die Füße bzw. Fußsohlen dürfen nicht auf eine Figur Buddhas gerichtet werden. (Die in deutschen Haushalten anzutreffende Praxis, Buddha-Figuren in Toilette oder Badezimmer aufzustellen, kann ein gläubiger Buddhist nicht akzeptieren.)

Familien, die mit regelmäßigen Ritualen wie Mahlzeiten und Feiern ihre Zusammengehörigkeit feiern, vermitteln ihren Mitgliedern auf diese Weise Rückhalt und seelische Gesundheit. Besondere Farben, Gewänder, Lieder zur Feier von hohen Festtagen betonen die Wichtigkeit dieser Feste. Das Überschreiten von Grenzen im Karneval bzw. Fasching wird in feste Rituale eingebunden und ermöglicht damit, diese Zeit als Vorgängerin der Fastenzeit und als Teil der bestehenden religiösen und gesellschaftlichen Ordnung zu betrachten.

Wo verläuft die Grenze?

Die eigentlich gesunde und stabilisierende Wirkung von Ritualen und Tabus findet in der Zwangsstörung eine Übertreibung und Pervertierung:

  • Zwanghafte Rituale und Tabus führen nicht zu einer Heiligung, vielmehr werden die Angst und Verunsicherung nachhaltig gesteigert; der Wunsch nach Sicherheit und Kontrolle wird nur sehr kurzfristig erfüllt. Gesunde Rituale dagegen verstärken ein Gefühl, mit dem sie verbunden sind: Eine Beerdigung verstärkt das Gefühl der Trauer; zum Karneval gehören Rituale, die den Frohsinn bekräftigen.
  • Zwangsrituale verändern die Bewusstseinslage und führen in eine Art zwanghafte Trance: Gefühle werden kaum noch wahrgenommen, negative Anspannungen wie Angst, Ekel, Scham, Schuld und Unvollständigkeit werden abgewehrt.
  • Gesunde Rituale (Taufe, Einschulung, Hochzeit, Beerdigung …) finden meist in der Öffentlichkeit statt und dienen der Kommunikation von Zusammengehörigkeit bzw. der Stärkung einer Gemeinschaft, ob des Glaubens oder einer anderen Gemeinschaft. Zwangsrituale werden stets in Isolation ausgeführt. Sie fördern das Gefühl der Einsamkeit. Viele Menschen mit religiösen Zwängen verlassen ihre angestammte Glaubensgemeinschaft und üben ihre Zwänge in Isolation aus oder suchen Anschluss an eine radikalere Glaubensgemeinschaft. Für Menschen mit religiösen Zwängen empfiehlt sich die Anbindung an eine gemäßigte, weltoffene Glaubensgemeinschaft, die gesunde Maßstäbe vermittelt und die Abwendung von Isolation und Radikalität ermöglicht.
  • Gesunde Rituale markieren und fördern Entwicklungsschritte, während wir in der Biografie Zwangskranker einen Stillstand beobachten. Erwachsene Menschen mit Zwängen leben in engen Abhängigkeitsbeziehungen, manchmal sogar lebenslang bei ihren Eltern. Entwicklungsaufgaben (Ausziehen, Dating, Führerschein, Nestbau, Partnerschaft etc.) werden unvollständig oder gar nicht erfüllt.
  • Gesunde Tabus und Rituale haben klare zeitliche und örtliche Grenzen, wie das Fasten- und Abstinenzgebot vor der heiligen Kommunion, während Zwänge zu einem Exzess und einer grenzenlosen Übergeneralisierung führen. Die Fastenzeit der Christen beginnt mit Aschermittwoch und endet mit Ostern, der Ramadan der Muslime endet mit dem Zuckerfest. Magersucht, eine Störung mit Zwangselementen, ist dagegen ein grenzenloses Fasten bis zur völligen Selbstzerstörung und zum Tod.
  • Menschen mit Zwängen zeigen ein hohes Maß an Selbstentfremdung und Passivität. „Ich bin geheiratet worden. Die Liebe meines Lebens habe ich nicht gefunden!“ – „Ich habe meine Arbeit nie gemocht, mir liegt überhaupt nicht, was ich da tue!“, sind typische Zitate aus dem Mund der Betroffenen. Neben der Reizkonfrontation mit Reaktionsverhinderung ist die Verbesserung des Selbstbewusstseins im Sinne der Wahrnehmung eigener Fähigkeiten und Bedürfnisse die zweite Säule in der Behandlung von Klienten mit Zwangserkrankungen.
  • Martin Luther dagegen fasziniert in seiner Fähigkeit, sich selbst völlig neu zu erfinden. Er überwand die Entfremdung und Dominanz seines Vaters und die Dominanz der zu seiner Zeit geltenden theologischen Meinung. Neben vielen historischen Veränderungen, die er dabei in Gang setzte, fand er damit vor allem für sich selbst einen Weg aus seinen Zwängen.

Fazit

Irgendwann im Prozess der Menschwerdung erhielten Personen, Gegenstände, Orte und Gottheiten eine heilige Bedeutung, die durch Tabus und Rituale in einer Gemeinschaft kommuniziert wurden und für die zunehmend komplexer werdenden sozialen Gebilde identitätsstiftend waren. Exzess und fehlende Grenzen und vor allem die Einsamkeit, die fehlende Einbindung in eine Gemeinschaft machen aus Tabu und Ritual eine Zwangsstörung.

Dipl.-Psych. Burkhard Ciupka-Schön, geboren 1963, ist Gründungsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Zwangskrankheiten e.V. und führt eine Ausbildungspraxis mit dem Themenschwerpunkt „Zwangsstörung“. Im Patmos Verlag ist 2018 sein Buch „Himmel und Hölle. Religiöse Zwänge erkennen und bewältigen“ erschienen.

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