16.05.19

Von glanzvollen Rollen und völliger Entfremdung

Von: Samuel Pfeifer

Die Welt des Größenwahns

 

von Samuel Pfeifer

Manch einsamer Held ist nicht einsam, weil es zum Genie gehört, von kaum jemandem verstanden zu werden, sondern weil er in seiner Privatwelt lebt und einer Privatlogik folgt. Längst nicht immer sind Größenwahn, „fantastische“ Ideen und eine grandiose Selbstüberschätzung psychiatrisch fassbar und mit Medikamenten therapierbar. Wie lässt sich zum Beispiel der Größenwahn Adolf Hitlers begreifen?

Ich traf den „General“ an einem nebligen Morgen auf meinem Weg vom Haupthaus zu Pavillon F. Meinen salopp angedeuteten militärischen Gruß nahm er huldvoll lächelnd entgegen. Wir klagten miteinander über das garstige Wetter, bevor er zu den großen geopolitischen Themen kam: die Russen, die Chinesen, der Feind ganz allgemein. Vor mir stand ein unscheinbarer Mann mit tabakgebräunten Stummelzähnen, die Flecken des Morgenkaffees auf seinem zerschlissenen Militärmantel. Ein kleiner Speichelfaden rann ihm aus einem Mundwinkel in den ungepflegten Stoppelbart, während er dozierte, doch innerlich lebte er im Glanz seiner militärischen Ehren, auch wenn vor ihm keine Bataillone in gewichsten Stiefeln vorbeidefilierten, sondern nur ein kleiner Schweizer Assistenzarzt auf seinem Weg zur Visite.

So erleben wir in der Psychiatrie immer wieder einmal in klassischer Weise einen Größenwahn, wie er bei einer paranoiden Schizophrenie auftreten kann. Die Wahnthemen sind vielgestaltig: von der Überzeugung, der wahre Erfinder des Lasers zu sein, über die Abstammung vom britischen Königshaus bis hin zur Überzeugung, man sei so bedeutend, dass man von CIA und anderen Geheimdiensten gejagt werde; von der Einbildung, man sei von Gott berufen, ganz allein zum irakischen Staatschef zu gehen, um einen Frieden in Nahost herbeizuführen, bis zur wahnhaften Überzeugung, vom Heiligen Geist überschattet worden zu sein und nun, schwanger im vierten Monat, erneut einen Sohn Gottes in sich zu tragen. All diesen Schicksalen ist gemeinsam, dass die Betroffenen felsenfest von ihrem Auftrag, ihrer Rolle oder ihrem Zustand überzeugt sind, obwohl die Menschen im Umfeld keinerlei Hinweis auf einen Wahrheitsgehalt sehen können. Die Diskrepanz zwischen Wahn und Realität wird geleugnet; die werdende Mutter Gottes und der Friedens-Emissär sind beide unkorrigierbar von ihrer Idee überzeugt: „Ich weiß es einfach!“

DER WAHN

Drei Kriterien sind wesentlich für den Wahn:

a) die Unmöglichkeit des Inhalts (auch im Vergleich zu Menschen der eigenen Kultur oder Religion),
b) die beharrliche Überzeugung, ganz egal, welche Argumente dagegen sprechen könnten,
c) der pathologische Ichbezug, die „Privatlogik“, welche die betroffene Person zum Mittelpunkt bedeutender Ereignisse macht,
d) die Entfremdung vom sozialen Bezugsnetz und Vereinsamung.

Dazu kommt die ständige Beschäftigung mit dem bedeutsamen Wahn, der das gesamte Leben ausfüllt und bestimmt. Mehr noch: Die große Aufgabe wird zur Last, die einen nicht mehr schlafen lässt, die Beziehungen zerstört und zu einer völligen Vereinsamung der Person mit einem Größenwahn führt. Niemand kann sie verstehen, niemand unterstützt sie, und das lässt sie verzweifeln.

Englische Autoren haben diese Eigenschaften in drei Begriffe gefasst:
conviction (unkorrigierbare Überzeugung)
preoccupation (ständige Beschäftigung mit dem Wahn)
distress (seelische Belastung durch den Wahn)

Ergänzt werden muss die Entfremdung von anderen Menschen als viertes Kriterium (nach Scharfetter1).
Sekundärphänomene des Wahns sind
›› Halluzinationen in den fünf Qualitäten (Hören, Sehen, Spüren, Riechen, Schmecken), insbesondere das Hören von kommentierenden und herabwürdigenden Stimmen,
›› formale Störungen des Denkens: verlangsamt, umständlich, unlogisch; gelockerte Assoziationen u.a. bis hin zum Sprachzerfall,
››abgeflachte, nicht adäquate Stimmungslage (Parathymie),
››Ich-Störungen: Auseinanderbrechen des Ich-Erlebens,
››häufig auch Verlust der Selbstfürsorge.

Äußerlich führen die Betroffenen meist ein bescheidenes Leben, oft von den Spuren der jahrelangen chronischen Krankheit geprägt – einsame, von der Umwelt mitleidig belächelte Menschen, platziert in einem Männerwohnheim oder im Mansardenzimmer eines abgelegenen Bauernhofs auf dem Land. Doch sie leben in zwei Welten (in der Fachsprache auch „doppelte Buchführung“ genannt): in der äußeren Banalität und gleichzeitig im inneren Glanz. Dieser innere Glanz, die große Bedeutung, hat eine wesentliche Funktion für den Selbstwert. Der General, der Erfinder, die auserwählte Jungfrau – was für eine grandiose Lebensrolle!

GLANZ UND ELEND

Fast wäre man versucht, den betroffenen Menschen diese Rolle nicht durch Medikamente wegzunehmen. Knipst man damit etwa den Lichtstrahl aus, der ihre Lebensbühne beleuchtet? Im Gespräch habe ich allerdings erlebt, dass die glanzvolle Aufgabe auch als Last erlebt wird: „Stellen Sie sich vor, unter welchen Gefahren ich meine Friedensmission ausführen muss.

Es macht mir Angst!“ Im Gegensatz zu einem wirklichen Sonderbotschafter, der von einer Regierung beauftragt, umschwirrt von Staatssekretären und Sicherheitsleuten mit einer großen Entourage in den Mittleren Osten fliegt, ist der Wahnkranke völlig vereinzelt, isoliert und ohne jede Unterstützung. Wenn dann hektisch verfasste, handschriftliche Briefe an die Präsidenten der Welt nicht beantwortet werden, wenn Wochen und Monate ohne das erwartete Ereignis verstreichen, wenn die Spannung steigt und Schlaflosigkeit und Nervosität einsetzen, dann kann es zur psychischen Krise kommen. Verzückung und Bedeutung des Größenwahns schlagen in abgrundtiefe Enttäuschung um und erfordern eine Neueinstellung der antipsychotischen Medikation.

Auch die werdende Mutter Gottes war nach drei Wochen medikamentöser Behandlung enorm dankbar: „Das war so eine Belastung – wie hätte ich das nur geschafft? Ich konnte ja nicht mehr schlafen vor lauter Sorgen. Bin ich froh, dass das alles nur Einbildung war!“

ANDERE FORMEN DES GRÖSSENWAHNS

Die bisher geschilderten Fälle waren ziemlich klar als nicht nachvollziehbare Wahnideen zu erkennen. Doch wie sollen wir Menschen beurteilen, die in ihrer Größenfantasie eine zunehmende Nachfolgerschaft um sich sammeln? Wie soll man Persönlichkeiten benennen, bei denen grandiose Ideen, kombiniert mit der Verfügung über Mittel und Menschen, zu einer Machtentfaltung führen, die schier unglaublich ist? Wenn ein afrikanischer Herrscher mitten im Dschungel der Elfenbeinküste eine Kathedrale erbauen lässt, so groß wie der Petersdom? Wenn „Fürsten“ einen Traum von Weltherrschaft entwickeln und ruchlos ihre Armeen einsetzen, um Tod und Verderben über die umliegenden Länder zu bringen? Wenn Konzernchefs ihre Firma zum größten Autohersteller der Welt machen wollen, koste es, was es wolle?

Psychiatrische Diagnostik greift hier zu kurz – diese Menschen sind nicht größenwahnsinnig im Sinne einer paranoiden Schizophrenie. Und dennoch ist die Auswirkung ihrer Größenideen oftmals grotesk bis katastrophal. Wie die Geschichte zeigt, sind die Folgen ihrer Ideen ungleich gefährlicher und zerstörerischer als die Größenidee eines Einzelnen, der für sich allein lebt. Häufig scheren sich die Menschen mit ihrer Größenfantasie nicht mehr um ethische Werte. Sie missbrauchen Gelder, manipulieren die Abgasmessung ihrer Fahrzeuge, kümmern sich nicht um das Wohl der ihnen anvertrauten Menschen und bringen im schlimmsten Fall Tod und Verderben über Millionen von Menschen, wie dies im Größenrausch des „Dritten Reichs“ geschah.

In diesen Fällen hat „Größenwahn“ zwei mögliche Bedeutungen, nämlich
›› die Megalomanie von politischen, philosophischen und religiösen Führern,
›› die individuelle Selbstüberschätzung einer einzelnen Person.

EXKURS: DER GRÖSSENWAHN ADOLF HITLERS

Der wohl schlimmste Größenwahn des 20. Jahrhunderts war Adolf Hitlers Idee vom Tausendjährigen Reich, verbunden mit allem, was diesem den Weg bereiten sollte. Das war nicht nur die verkorkste Privatlogik einer verkrachten Existenz. Hitlers Größenwahn war auch keine neurobiologisch zu verortende Pathologie im psychiatrischen Sinne, sondern ein großer nationaler und globaler Gedankenentwurf, der die Sehnsüchte vieler Menschen seiner Zeit aufnahm und darin eine verhängnisvolle Resonanz fand. Es gelang ihm, durch das Ansprechen dunkler Instinkte von Neid, Benachteiligungsgefühlen, Fremdenhass und Dämonisierung ein Klima zu schaffen, in dem immer mehr Menschen bereit waren, jüdische Menschen als rassisch minderwertig und schädlich für die nationalen Interessen anzusehen.

So vielgestaltig waren die Größenideen Hitlers und seines Regimes, dass er nicht nur von der Überlegenheit der arischen Rasse überzeugt war, sondern Größe in allen Bereichen des Reiches anstrebte. Sein Größenwahn baute auf – und er zerstörte. Massenaufmärsche feierten den Führer, und Massendeportationen sollten zur Reinigung des Volks dienen. Architekt Albert Speer entwarf für ihn eine neue Welthauptstadt, größer als alles bisher Dagewesene. Und die Panzerdivisionen fühlten sich in ihrem Größenwahnsinn unbesiegbar.

Über die Jahre haben sich viele Psychiater und Psychologen mit der Pathologie Adolf Hitlers beschäftigt, wie dies in einem bemerkenswerten Artikel in Wikipedia dokumentiert wird.2 Auch wenn einige die Symptome einer paranoiden Schizophrenie zu erkennen meinten, so zeigt eine genauere Betrachtung der Kriterien, dass Hitler sie nicht erfüllte. Selbst Befürworter der These betonten, „dass Hitler über seine pathologischen Tendenzen beträchtliche Kontrolle besitze und sie bewusst einsetze, um die nationalistischen Gefühle der Deutschen und ihren Hass gegen vermeintliche Verfolger anzufachen“. Zu Recht kritisierten andere, dass mit einer psychiatrischen Diagnose die Entsetzlichkeit von Hitlers Befehlen und Taten bagatellisiert werde.

Hannah Arendt sprach später in Hinblick auf Eichmann von der Banalität des Bösen, dass also psychische Normalität und die Fähigkeit zum Massenmord bei einem nationalsozialistischen Täter überhaupt kein Widerspruch seien. Vieles spricht dafür, dass bei Hitler eine schwere Persönlichkeitsstörung im Sinne einer „Psychopathie“ (oder in heutiger Diagnostik: „antisoziale Persönlichkeitsstörung“) vorlag, bei der grundlegende menschliche Werte wie Empathie, soziale Verantwortung und Gewissen weitgehend fehlen.

GURUS, GOLD UND GRÖSSENWAHN

In den 70er-Jahren schwadronierte der Maharishi Mahesh Yogi in seiner konsumorientierten verwestlichten Softversion östlicher Spiritualität von Weltherrschaft und Weltfrieden. Er publizierte Broschüren mit üppigem Golddruck, residierte in einem prachtvoll umgebauten Hotel hoch über dem Vierwaldstätter See und nahm die Huldigung der Beatles und tausender anderer Jünger entgegen. Wissenschaftler untersuchten Meditierende mit Hi-Tech-Geräten und versuchten zu beweisen, dass es möglich sei, in Tiefentrance wirklich vom Boden abzuheben. Aus den Spenden wohlhabender Bewunderer finanzierte Yogi eine Flotte von Luxuskarossen, so wie später auch „Baghwan“. Bis heute gibt es rund 100 000 Anhänger der Transzendentalen Meditation in den USA, obwohl der Guru vor 10 Jahren starb.

Größenwahn oder bloßes Sektierertum? Was spricht ein Guru dieser Größenordnung in den Menschen an grundlegenden Bedürfnissen an, dass sie sich derart verzückt um ihn scharen? Offenbar kommt es auch hier zur Resonanz einer vordergründig überzeugenden Botschaft mit der Sehnsucht von Menschen nach Sinnstiftung, Bedeutung und Erlösung im weitesten Sinne. Doch es macht betroffen, dass offensichtlich größenwahnsinnige Behauptungen und messianische Selbstüberhöhung von heilsuchenden Anhängern derart kritiklos geglaubt werden. Auch bei den meisten selbsternannten Erlösern und Gurus kann keine Schizophrenie im engeren Sinne diagnostiziert werden – und somit auch nicht ein Größenwahn im psychiatrischen Sinne.

Die grandiosen Behauptungen übersteigen aber auch die Kriterien für eine narzisstische Persönlichkeit, die nur von sich selbst überzeugt ist und primär ihren eigenen Vorteil sucht. Allerdings gibt es bei genauerem Hinsehen bei vielen Sektenführern einen fließenden Übergang vom individuellen Narzissmus hin zum Größenwahn im eigentlichen Sinne.

WAS UNTERSCHEIDET ECHTEN GLAUBEN VOM WAHN?

Kritische Beobachter fragen sich manchmal: War nicht auch Jesus einfach ein größenwahnsinniger Schreiner aus Nazareth? Auf dem Hintergrund der jüdischen Kultur und der Besatzung Israels durch die Römer wirkten seine Behauptungen oftmals beklemmend grandios und provokativ. Von sich zu behaupten, er sei der Sohn des lebendigen Gottes – war das nicht Größenwahn?

Es würde den Umfang dieses Artikels sprengen, hier eine Apologetik zu versuchen. Nur so viel: Es gibt wesentliche Hinweise, dass Jesus Christus emotional ausgewogen und in die Gesellschaft integriert war und dass seine Botschaft durch Zeichen unterstützt wurde, die in der direkten Beobachtung durch Zeitgenossen und durch die Geschichte der christlichen Kirche belegt werden. Eine gut dokumentierte Diskussion der Frage wurde erst kürzlich von den beiden Psychiatern Martinez und Sims3 vorgelegt.

Und doch stellt sich in der Beurteilung von Menschen mit einem religiösen Wahn für den Psychiater oftmals die Frage, welches die Unterschiede zwischen einem intensiv erlebten, aber gesunden religiösen Glauben und einem religiösen Sendungswahn sind. Dabei hat sich die Betrachtung von sechs Dimensionen bewährt, die von Haenel zusammengestellt wurden4:

GLAUBE VS. WAHN

GLAUBE                                            WAHN

Gruppenverankerung                       Singularität – pathologischer Ichbezug
Gemeinschaft                                   Vereinsamung, fehlende Kommunikation
Zulassen von Zweifel                       Unkorrigierbarkeit 
Vertrauen                                         Vertrauensverlust
Inhalt oft transzendent                    Inhalt oft bedrohlich
Psychopathologisch unauffällig        Weitere psychopathologische Auffälligkeiten

Bodenhaftung mag ernüchternd sein, auch in religiösen Dingen. Es fehlen ihr Glanz und Gloria des Größenwahns. Und dennoch zeigt die Geschichte immer wieder, dass Menschen mit einer bescheidenen Gemeinschaftsorientierung und festem Gottvertrauen oft Größeres leisten können als jede Gigantomanie, in welcher Form auch immer sie auftritt.

Prof. Dr. Samuel Pfeifer, geboren 1952, ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Er war lange Jahre Chefarzt der Klinik Sonnenhalde in Riehen bei Basel und lehrt im Masterstudiengang „Religion und Psychotherapie“ an der Evangelischen Hochschule Tabor in Marburg.

Zum Weiterlesen: Achim Haug: Reisen in die Welt des Wahns. Ein Psychiater erzählt von inneren Stimmen, bizarren Botschaften und gefährlichen Doppelgängern, C.H. Beck, München 2019

1 vgl. Christian Scharfetter: Allgemeine Psychopathologie: Eine Einführung, Thieme, Stuttgart 2010.

2 „Psychopathographie Adolf Hitlers“ de.wikipedia.org/w/index.php? title= Psychopathographie_Adolf_Hitlers &oldid= 183384128, Zugriff am 10.01.2019.

3 Pablo Martinez / Andrew Sims: Mad or God? Inter-Varsity Press, London 2018.

4 vgl. Thomas Haenel: Aberglaube, Glaube, Wahn, in: Schweizer Archiv für Neurologie, Neurochirurgie und Psychiatrie 1983, 133(2), S. 295-310.

 

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