17.02.20

Warum Jungen Vaeter brauchen

Von: Klaus Dettke

"Papa, schubs mich an, höher als die ganze Welt!"

 

von Alexander Cherdron

Von den Vater-Sohn-Geschichten des Alten Testaments über die griechische Mythologie, sämtliche Epochen der Literaturgeschichte, bis zu Schauspiel, Oper und Film – überall begegnen wir Vater-Sohn-Dynamiken.

Väterforschung hingegen etablierte sich erst im 20. Jahrhundert und lässt sich in drei Phasen einteilen: Durch die psychoanalytische Lehrmeinung geprägt, reduzierte sich das Interesse am Vater zunächst vorwiegend auf die Betrachtung der phallischen bzw. ödipalen Entwicklungsstufe der psychosexuellen Entwicklung des Kindes. Darüber hinaus wurde den Vätern nur eine Nebenrolle zugeteilt. Sie galten als „Autorität am Rande“, oder es war nur der „pathologische Vater“, der interessierte.

Die sich daran anschließende Phase war vor allem durch den Vergleich der Väter mit den Müttern bestimmt („Wer ist der/die Bessere am Wickeltisch?“), bevor seit den 1990er-Jahren eher distinktive Charakteristika der Väter, also Besonderheiten und „Alleinstellungsmerkmale“ des väterlichen Beitrags zur Kindesentwicklung herausgearbeitet wurden, die heute teilweise auch durch neurobiologische Befunde untermauert werden können.

Warum brauchen Jungen Väter, und was sagt die Väterforschung über den positiven Einfluss der Väter auf die Entwicklung der Söhne?

TRIANGULIERUNG

Das Leben und Überleben des Säuglings spielt sich im Regelfall zunächst im Zweierverbund, in der Dyade mit der Mutter, ab. Hiernach ist jedoch wichtig, diese um den Dritten, den Vater und um das männliche Prinzip zur Triade zu erweitern. Es ist wissenschaftlich belegt, dass männliche Säuglinge von ihren Müttern anders behandelt werden als weibliche, wie sich entsprechend auch nachweisen lässt, dass Väter ihre Söhne anders betrachten und behandeln als ihre Töchter. Beide Erfahrungen – der weibliche und der männliche Blick und Umgang – sind für den Säugling wichtig und bedeutsam, so der Psychoanalytiker Lothar Schon.

Dem „Eröffnen des väterlichen Raumes“ kommt für die Söhne besondere Wichtigkeit zu, da Väter in ihren Interaktionen stärker das Geschlecht des Kindes betonen. Daher erklärt sich, dass Jungen im Rahmen ihrer männlichen Identitätsentwicklung auf ausreichende Interaktionserfahrung und Identifikationsmöglichkeiten mit dem Vater angewiesen sind.

Eine gelingende Triangulierung setzt voraus, dass der Vater sich mit Haut und Haaren und mit ganzer Seele auf den Sohn und auf die Familie einlassen kann. Andererseits muss die Mutter das väterliche Engagement auch zulassen, damit dieses zum Zuge kommen kann. Der Mutter kommt hier eine Gatekeeping- Funktion zu. Gute elterliche Triangulierungsfähigkeit korreliert in Studien mit weniger Ängstlichkeit, besseren schulischen Leistungen, höherem Selbstwert, geringerer Delinquenz und geringerem Substanzmissbrauch im späteren Leben der Söhne.

IDEALISIERUNG, REIBUNG UND BEGRENZUNG

Der Sohn erreicht im Rahmen einer geglückten Triangulierung abgegrenzte Vorstellungen von mütterlicher Welt und väterlicher Welt und profitiert von der Unterschiedlichkeit dieser beiden Erlebniswelten. Er tritt hiernach – etwa zwischen dem vierten und dem sechsten Lebensjahr – in die ödipale Phase ein, auch phallische Phase genannt. Wohl kaum ein anderer psychoanalytischer Begriff wird so häufig zitiert, bietet Vorlage für Witze und Cartoons, weshalb wir die innere Welt der Söhne in dieser Phase näher betrachten wollen. Im Sohn erwacht eine veränderte, spürbar anders getönte Liebe zur Mutter. Diese ist von einem Umgarnen der Mutter und von Verliebtheit geprägt, vom charmanten „Balzverhalten“ des „kleinen Mannes“, der, nicht nur, wie oft in Witzen zitiert, sondern wie von vielen Eltern real gehört, auch die Frage stellt, warum er eigentlich nicht (ebenfalls) die Mutter heiraten kann. Dieses werbende Verhalten ist für das gegengeschlechtliche Elternteil äußerst schmeichelhaft. Die schwierigere und weniger entspannte Dynamik entwickelt sich im ödipalen Spannungsfeld zwischen Vater und Sohn.

Der Sohn spürt intuitiv, dass er mit seiner Annäherung und seinem Werben um die Mutter in Rivalität mit dem Vater tritt; die daraus resultierenden, rivalisierenden Kämpfe mit dem „Kronprinzen“ kennt wohl jeder Vater. Sie zeigen sich in den Kleinigkeiten des Alltagslebens, wenn es dem Vater nicht einmal mehr gestattet ist, dem Sohn die Schuhe zu binden („Nein, die Mama!“), oder wenn der Vater beim Vorlesen der Gute-Nacht-Geschichte unerwünscht ist (wieder lautstark: „Nein, die Mama!“).

Die zuvor liebevolle, spielerische Männlichkeitsbeziehung zum Vater schlägt unvermittelt in ein Rivalitätsverhältnis um. Mein Sohn hat mir mehrfach unterbreitet, mich „auf den Mond schießen“ zu wollen, aber nicht, ohne mich vorher „totgetreten“ zu haben. Unter Zuhilfenahme von Rittern, Dinosauriern und Lego-Bionicles befand ich mich lange Zeit in sehr bedrohtem Zustand und konnte nur mit Mühe den diversen Laserschwertern, gefährlichen Dinosaurierzähnen und diversen aus Stöcken gebastelten Pistolen entgehen.

Man stelle sich hierbei die innere, zerrissene Gedankenwelt des kleinen Jungen vor: Auf der einen Seite existiert die Frage und der kühne Plan, ob man die geliebte Mutter nicht doch ganz für sich gewinnen könne. Auf der anderen Seite trägt der Sohn zwar den Wunsch nach Idealisierung des Vaters in sich, weil er an dessen Größe teilhaben und ihn sich als Vorbild erhalten möchte („Du bist groß und ich darf mich in deiner Sonne sonnen“), gleichzeitig verspürt er den Drang, mit dem Vater rivalisieren, ihn „töten“ und beseitigen zu wollen. Auch möchte er hierdurch das quälende Gefühl des „Noch-nicht-groß-Seins“ loswerden. Es sind also Liebe, der Wunsch nach väterlicher Größe und Identifizierungsmöglichkeit und der gleichzeitige Hass auf den Vater, die die Zerrissenheit des Sohns im ödipalen Spannungsfeld ausmachen.

REIF REAGIEREN

Welchen Herausforderungen gilt es als Vater in dieser Phase gerecht zu werden, und wie können Väter ihren Söhnen dabei helfen, die ödipale Konfliktwelt mit ihrer Spannung aufzulösen und den Sohn förderlich durch diese Phase zu begleiten?

Zunächst einmal sollte der Vater selber „sicher genug im Sattel“ sitzen, d. h. er muss die eifersüchtigen Attacken des kleinen Rivalen und dessen Aggression aushalten können. Es gilt hierbei, sich von seinem Sohn nicht „an die Wand gespielt“ zu fühlen oder sich mit diesem nicht unreif, die kindliche und die elterliche Ebene verwechselnd, in einen Machtkampf zu verstricken. Als Vater darf man daher nicht zu unreifen, unreflektierten „Gegenschlägen“ ausholen. Auch wäre ein herablassendes, den Sohn beschämendes oder bloßstellendes Verhalten, z. B. durch abfälliges Belächeln, ungünstig. Das übersteigerte Machtgefühl und die Aggression des Jungen ziehen ohnehin Angst vor Rache und Vergeltung des Vaters nach sich – Freud hat dies die „Kastrationsangst“ des Jungen genannt –, dazu Angst vor Liebesverlust, Bestrafung und Demütigung.

Ebenfalls ungünstig wäre ein Vater, der seinem Sohn kampflos das Feld und die „Krone“ überlässt, der nicht „Manns genug“ ist, um in die ödipale Reibung einzusteigen, der diese ignoriert oder fürchtet. Darüber hinaus gibt es Väter, die ihre Söhne den Kindsmüttern als „Spielzeug“, als Trost oder Ersatz überlassen, sich also in einer Unterlassung dem ödipalen Reibungswunsch des Sohnes entziehen, weil sie z. B. von den Müttern genervt sind oder um sich anderen Interessen (der Arbeit, einer anderen Frau) zuwenden zu können.

Lothar Schon schreibt, dass der „Fehdehandschuh“1 vom Vater aufgenommen werden muss, aber unter liebevollem Vorzeichen. Mit solch einer Grundhaltung helfe der Vater als „weiser Herausforderer“ dem Sohn dabei, Impulse und starke Affekte im Zaum zu halten, diese zu modulieren und zu bändigen. Söhne lernen hierdurch, im späteren Leben auf eine gesunde Art und Weise zu rivalisieren und keine übermäßige Angst vor Autoritäten und Konkurrenz zu entwickeln.

Es ist in diesem Zusammenhang sehr wichtig, dass der Vater Grenzen setzt, dass am Ende klar bleibt, wer „Herr im Haus“ ist. Väterliche Strukturierung und Grenzziehung, väterliche Konsequenz und Konsistenz sind unerlässlich für die Gewissensbildung und den weiteren Lebensweg der Söhne. Es kommt hierbei auf die richtige Haltung dem Sohn gegenüber an und dass dessen rivalisierende Größen- und Allmachtgefühle „dosiert frustriert“ werden. Eine umsichtige Autorität ermöglicht den Söhnen im späteren Leben nicht nur die Fähigkeit, Aggression, Konflikthaftes und Ambivalenz aushalten und akzeptieren zu können, sondern dient – im geglückten Falle – auch einer positiven Identifizierung mit dem Vater und mit Männlichkeit im Allgemeinen.

KOGNITION UND SPRACHENTWICKLUNG

Väter lieben es, zu dozieren und ihren Kindern die Welt zu erklären. Sie tun dies häufig ausführlicher und komplexer, als es die Mütter tun. In mehreren Studien korreliert väterliches Engagement daher positiv mit den kognitiven Leistungen und so auch mit der Höhe des Schulabschlusses des Kindes. Ein weiteres Ergebnis der Forschung ist auch, dass Väter die intellektuelle Entwicklung ihrer Söhne stärker beeinflussen als die ihrer Töchter. Für Väter ist ebenfalls typisch, dass sie schon ihre Babys und Kleinkinder häufiger als die Mütter mit unbekannten Wörtern konfrontieren. Sie nutzen auch vermehrt ungewöhnliche, auffordernde und komplexere Begriffe, verwenden längere Sätze, kompliziertere Satzkonstruktionen und weniger rhythmische Satzmelodien. Dies ist eine väterliche Domäne, die immens anregend und förderlich für die Sprachentwicklung ist und in der somit – so die Forschung – das väterliche Sprachverhalten die Sprachentwicklung stärker beeinflusst als das mütterliche.

VÄTERLICHES SPIELEN

Es existiert ein vatertypisches Spielverhalten, das als „Alleinstellungsmerkmal“ angesehen werden kann und das heute unstrittig als bedeutsam und förderlich für die kindliche Entwicklung gilt. Das väterliche Spielen ist wilder, rauer und körperbetonter als das mütterliche. Es ist aufregend, weil dramatischer, unberechenbarer und herausfordernder. Der väterliche Spielmodus wird auch als disruptiv bezeichnet, denn er ist überraschend und weniger auf Beruhigung ausgerichtet, hat explorativen, anregenden Charakter, fördert den Durchhaltewillen und führt das Kind an Grenzen.

Als Beispiel hierfür sei das „Kamikaze-Spiel“ genannt, bei dem sich der Vater das Kleinkind mit der Brust nach unten auf den Unterarm legt – und los geht der spannende Flug durch Wohnung und Garten mit unvorhersehbaren Beinahe-Abstürzen über der Badewanne oder dem Gebüsch. Jeder Vater kennt solche zumeist selbst erdachten Spiele und hat diese mit seinen Kindern gespielt – wobei Studien nachweisen, dass Väter so etwas besonders gern mit ihren männlichen Sprösslingen machen.

Diese Spiele sind von Körperlichkeit, großer väterlicher Verantwortung und „blindem“ Vertrauen des Kindes zum Vater geprägt. Das Kind durchlebt ein Wechselbad der oder besser eine Mischung an Gefühlen und Emotionen – Angst, Anspannung, freudige Erregung –, aber eben auch die sich daran anschließende Entspannung, die glückliche Erschöpfung, das nachfolgende Kompetenzgefühl und den hieraus erwachsenden Stolz (auch darüber, den mütterlichen Zwischenrufen „Nicht so wild bitte!“ getrotzt zu haben). Die Väter stimulieren nicht nur heftige Affekte, sie bringen ihren Kindern auch bei, damit umzugehen, indem sie diese an entscheidender Stelle wieder abschwächen, unterbrechen und auffangen. Dies ermöglicht Modulation, Kontrolle und Gebrauch intensiver Gefühle. Daher wird dem väterlichen Spielverhalten heute ein nennenswerter Einfluss auf die spätere Fähigkeit des Kindes zur Selbstregulation eingeräumt, d.h. auf den Erwerb der Fähigkeit, Kraft, Aggression und das Affektleben im weiteren Leben später selbstständig regulieren zu können.

Dies impliziert, dass väterliches Spielen neben dem disruptiven, anregenden Charakter auch liebevolle, beruhigende Aspekte beinhalten muss. Betrachten wir auf diesem Hintergrund das „Monster-Spiel“, das nach meiner Erfahrung ganz überwiegend von Vätern mit ihren Kindern gespielt wird: Der Vater verkleidet sich als Gespenst oder Monster. Der Monster-Vater gibt nun gruselige Geräusche von sich, versteckt sich und lauert dem Kind an unerwarteter Stelle auf, um es zu erschrecken. Ein zusätzlicher Kick lässt sich einbauen, wenn das Deckenlicht ausgeschaltet und das Kind für die Monstersuche mit einer Taschenlampe ausgestattet wird. Das Kind liebt den „Thrill“, die „Angstlust“, wie der Psychoanalytiker Michael Balint es nennt. Einerseits will ich als Vater diese Angstlust natürlich auf die Spitze treiben, andererseits darf ich es hierbei aber nicht übertreiben, darf das Kind nicht wirklich verängstigen. Ich muss wissen, ob noch ein weiterer Monster-Angriff angesagt ist oder das Deckenlicht besser wieder angeschaltet werden sollte und wann der Punkt gekommen ist, an dem das Spiel zu Ende ist, ich die Verkleidung abnehme, um mit meinem Kind in gemeinsames, entspannendes Lachen zu verfallen.

Insbesondere die väterliche Feinfühligkeit ist hier gefragt, die daher in der Forschung heute als wichtiger, entwicklungsfördernder Faktor, vor allem für Söhne, angesehen wird. Es ist belegt, dass mit Vater aufgewachsene Söhne eine größere Freiheit mit intensiven Triebimpulsen und Gefühlen zeigen als ohne Vater aufgewachsene Söhne, insbesondere in Bezug auf die Fähigkeit, eigene, aggressive Impulse kontrollieren und sie positiv zum Erreichen von Zielen einsetzen zu können.

Dem väterlichen Spielverhalten wohnt jedoch noch ein weiterer Aspekt inne, da das Spiel häufig explorativen Charakter hat. Um auf neurobiologische Aspekte sprechen zu kommen, schreibt der amerikanischer Kinderpsychiater Dan Siegel2 in der Lesart Freuds, dass die frühe Gehirnentwicklung ebenso sehr auf der Erforschung interpersonaler Prozesse beruht wie auf körperlicher Stimulation. Seinen Studien und seiner Auffassung nach wirkt die „interpersonale Energie der Mutter“ dabei als „entripetaler Faktor“, indem die mütterliche Aufmerksamkeit des Babys und des Kleinkindes eher auf innere Vorgänge ausgerichtet ist, während die Energie des Vaters vom Zentrum fort und der Außenwelt zustrebt: Väter sind daher ermutigender, trauen ihren Kindern mehr zu, fangen nicht sofort jede Schwierigkeit auf. Mütter haben im Spiel die Tendenz, früher helfend einzugreifen, etwa damit der aus Bauklötzen gebaute Turm gar nicht erst umfällt. Väter sind hier zurückhaltender, handeln eher nach dem Motto „Komm, einer geht noch“, auch wenn der Turm dann zusammenbricht.

„PAPA, SCHUBS MICH AN, HÖHER ALS DIE GANZE WELT!“

Mütter symbolisieren tendenziell den „sicheren Hafen“, Väter bereiten das Sohnleben gerne auf die „raue See“ vor – beides hat seine Wichtigkeit und seinen Platz.

Neulich ging ich an einem Kinderspielplatz vorbei, auf dem ein etwa vierjähriger Junge auf einer Schaukel saß. Er schaukelte aus meiner Sicht schon beachtlich hoch und rief mit strahlendem Gesichtsausdruck seinem hinter der Schaukel stehenden Vater zu: „Papa, schubs mich an, höher als die ganze Welt!“ In dieser kleinen Szene, in dem hinter der Schaukel stehenden Vater und dem „höher als die Welt“ des Sohns, findet sich verdichtet das zuvor Dargestellte wieder: der „Weltendrang“ des Sohns und die ermutigende, explorativ-unterstützende Weise des Vaters, der im Hintergrund feinfühlig anstößt und gleichzeitig Sorge und Verantwortung dafür trägt, dass sich die „Weltenschaukel“ nicht überschlägt.

Dr. med. Alexander Cherdron, geboren 1962, ist Arzt, Psychotherapeut und Psychoanalytiker und in Wiesbaden in eigener Praxis tätig. Sein Buch „Väter und ihre Söhne. Eine besondere Beziehung“ ist im Springer Verlag erschienen. www.cherdron.com

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